|
home
archiv
leser
info
links
<< |
|
BÜCHER
OKTOBER 05

Zeruya
Shalev - Späte Familie
lange habe ich auf diesen roman gewartet. angekündigt war
er schon zum beginn des jahres, musste allerdings verschoben werden,
weil die autorin bei einem terroranschlag in jerusalem verletzt wurde.
glücklicherweise ist ihr nicht allzu viel passiert und sie konnte
dieses buch fertigstellen.
was soll ich sagen? ich könnte hier seitenlang über diese
geniale autorin erzählen, es würde mir nicht schwer fallen
lobeshymnen zu verfassen. und mittlerweile würde ich sie uneingeschränkt
zu meinen lieblingsautoren zählen! die drei bücher, die bisher
erschienen sind, gehören zu dem allerbesten, was in den letzten
jahren geschrieben wurde. somit möchte ich an dieser stelle JEDEM,
aber wirklich JEDEM uneingeschränkt "liebesleben"
und "mann und frau" empfehlen. und nachdem alle drei werke
von gleichermaßen hoher qualität sind, natürlich auch
das neue buch von zeruya shalev: späte familie.
die handlung ähnelt den beiden anderen büchern. auch hier
ist die hauptperson wieder eine frau, die von irrungen und problemen
des großen themas "liebe" berichtet. diesmal verlässt
die ich-erzählerin kurzerhand und etwas unüberlegt ihren mann.
sie kann einfach nicht mehr mit ihm zusammen leben. wichtig erscheint
für sie ersteinmal nur sie selbst. was die trennung für konsequenzen,
gerade für ihren kleinen sohn haben wird, darüber macht sie
sich keine gedanken. und wie soll es auch anders kommen, sie bereut
ihre entscheidung. fühlt sich allein, einsam und unfähig die
erziehung des kindes ohne männliche hilfe fortzuführen. sie
bittet ihren mann um verzeihung, möchte ihn zurück. doch dieser
stellt sich stur, macht ihr klar, dass sie nur wenige monate vorher,
nämlich als er sie angefleht hatte der ehe noch eine chance zu
geben, mit einem eiskalten "nein" geantwortet hat. kurz darauf
tritt ein anderer mann in ihr leben. zu beginn scheint er die große
liebe zu sein. doch wie sich herausstellt, hat auch diese beziehung
schwerwiegende folgen ...
der roman besticht auch dieses mal wieder durch seine unglaubliche realitätsnähe.
jetzt bin ich zwar nicht verheiratet, habe auch noch kein kind, trotzdem
kann ich die dargestellten familienprobleme uneingeschränkt nachvollziehen.
auch das auf und ab in der liebe, die glücksmomente und die vollkommen
furchtbaren, grausamen zeiten, all das vermag diese grandiose autorin
schlichtweg atemberaubend zu beschreiben. mit nur einer seite erzeugt
sie mehr stimmung und gefühl, als es andere autoren (siehe weiter
unten, ich meine damit "das beben") mit einem ganzen buch
nicht schaffen. diese frau kann wie niemand anderes über die liebe
schreiben.
und jetzt kommt das wichtigste, in einer sprache, die ich bisher in
dieser art nirgendwo finden konnte. auch hier schafft es shalev wieder
den leser regelrecht in die handlung hineinzureissen. und es ist nichts
schwieriger als sich dagegen zu wehren um das buch auch nur eine minute
aus der hand zu legen. ich habe es schon einmal in meiner kritik zu
"liebesleben" erwähnt,
möchte es hier aber nocheinmal wiederholen. es scheint, als habe
sich die autorin hingesetzt und ihren gedanken freien lauf gelassen.
als habe sie geschrieben und geschrieben. ein gedanke, ein ereignis
folgt dem anderen. weiter und weiter und weiter, bis das ende erreicht
ist. und genauso lesen sich ihre romane. man hat keinen augenblick zeit
zum luft holen, wird von einer genialen szene in die nächste gerissen.
es gibt viele bücher, die ich als meisterwerke bezeichnen würde
und es auch oft getan habe. doch - und damit beende ich meine begeisterung
- es gibt keine autorin, deren können, deren sprachgewalt mich
derart fasziniert wie die von zeruya shalev. und so flehe ich an dieser
stelle jeden an, diese autorin zu lesen. zuerst "liebesleben",
danach "mann und frau" und gleich hinterher diesen roman:
späte familie. ende.
BEWERTUNG: *****

Daniel
Kehlmann - Die Vermessung der Welt
NOMINIERUNG
[Shortlist]- Deutscher Buchpreis 2005
mal von dem typografisch überaus misslungenem schutzumschlag
abgesehen (gibt es eigentlich noch gestalter, die ihren beruf auch gelernt
haben?) ist dieses buch schon fast ein meisterwerk zeitgenössischer
literatur.
daniel kehlmann ist mir leider erst seit "ich
und kaminski" ein begriff. ein äußerst lesenswertes
buch. allerdings - im nachhinein gesehen - schon fast unbedeutend im
vergleich zu seinem neuen werk.
kehlmann nimmt sich zwei bedeutende deutsche genies, nämlich den
forscher alexander von humboldt und den mathematiker carl friedrich
gauß und beschreibt ihr leben. und das gelingt ihm einfach fantastisch.
mit unheimlich viel detailtreue und liebe zu den personen und deren
erlebnissen. das ganze verpackt in einer umwerfenden sprache. nicht
zu vergessen ist der durchgehend unterschwellig anwesende fabelhafte
humor, der diesen roman zu einem unvergleichlichen leseerlebnis werden
lässt. selten habe ich ein buch mit so viel freude gelesen. selten
war ein roman unterhaltsamer wie dieser. wenn ich einen vergleich anstellen
darf, so hat mich "die vermessung der welt" ein wenig an boyle's
"wassermusik" erinnert.
und jeder, der diese geniale lektüre kennt, wird mir recht geben,
dass ein solcher vergleich mehr ist als ein großes lob.
kehlmanns roman sei an dieser stelle jedem wärmstens ans herz gelegt.
ein schlichtweg wunderbares buch von einem überaus talentierten
jungen schriftsteller. mehr davon!
BEWERTUNG: *****

Nicole Krauss - Die Geschichte der Liebe
nicole kraus ist die frau von jonathan safran foer. und jetzt
kann man großkotzig sagen, das merkt man aber gewaltig an ihrer
schreibweise. schwer zu sagen, denn ich habe es vorher gewusst und war
somit sicherlich ein wenig beeinflusst. im nachhinein ist aber schon
was dran an der sache. die texte der beiden ähneln sich schon sehr.
was aber ja nicht unbedingt schlechtes bedeuten muss. denn jonathan
safran foer halte ich für einen außergewöhnlichen jungen
schriftsteller. und wenn es seine frau schafft, mit ihm verglichen,
ja sogar auf eine ebene gestellt zu werden, dann ist das doch sehr sehr
positiv. was letztendlich heißt, dass wir es hier mit einem äußerst
talentierten schriftsteller-ehepaar zu tun haben.
ich habe diesen roman jedenfalls sehr genossen und quasi in einem zug,
an einem tag durchgelesen. auch das ist wieder ein großes plus
für ein buch. denn schon nach den ersten seiten ist man so in die
handlung hineingezogen, in die geschehnisse vertieft, dass man nur eine
chance hat, aus der nummer wieder raus zu kommen: man muss den roman
bis zum ende lesen. "die geschichte der liebe" ist ein tolles
buch. nicht nur wegen der unglaublichen spannung, die bis zur letzten
seite aufrecht erhalten wird, nein auch weil es ein unglaublich schöner
liebesroman ist. und schön heisst an dieser steller nicht unbedingt
auch, dass es sich hier um kitsch handelt. im gegenteil. dies ist sicherlich
kein buch im sinne von ... ich spare mir besser die namen der autorinnen,
jener die mit ihrem kitsch auf den oberen rängen der bestsellerlisten
vertreten sind. schon weil ich vergleiche zu dieser sog. "frauenliteratur"
noch später aufstellen werde. nein, dies ist ein anspruchsvoller
roman, weil man dran bleiben muss, weil die ganze geschichte unglaublich
verzwickt geschildert wird. dies ist also kein buch, aus dem man mal
zwei seiten vor dem einschlafen liest. dann wird man es bestimmt mit
viel unverständnis ins regal zurück stellen.
allen anderen, die eine "geschichte der liebe" mit einem gewissen
anspruch lesen wollen, denen sei der roman dieser jungen autorin wärmstens
epfohlen.
BEWERTUNG: *****

Michel Houellebecq
was für ein unausprechlicher name - und trotzdem, ja eigentlich
völlig egal - was für ein außergewöhnlicher autor.
houellebecq (zum glück gibt es ja kopieren - einfügen, hehe)
ist unbestritten einer der meistgelesensten autoren frankreichs. und
das nicht unbedingt aufgrund der qualität seiner werke. hauptsächlich
wohl eher wegen ihrer skandalträchtikeit. und das sind sie allesamt.
houellebecq schrieb zahlreiche gedichtbände, essays und mittlerweile
sind vier romane von ihm erschienen.
ich habe all diese bücher im regal. und rein aus der laune heraus
begann ich mich diesem autor mit seinem vorletzten roman plattform
zu nähern. ich denke, es ist schwierig, diesen schreiber einem
breiten publikum näher zu bringen. auch ich hatte - jedoch im nachhinein
völlig unbegründet - so meine zweifel und berührungsängste.
auch denke ich, dass man die werke von houellebecq entweder genial findet,
oder sie schlichtweg als furchtbar bezeichnen wird. ich würde mich
eher an ersteres halten. leser, vor allem auch leserinnen mit etwas
zartem gemüt werden den büchern womöglich nicht viel
abgewinnen können.
denn dieser schriftsteller hält sich an keine vorgaben. er sagt
das was er denkt. er nimmt kein blatt vor den mund. sei es die sexualität
oder auch die oftmals übertriebene brutalität seiner texte
betreffend. das mag so mancher leser als abscheulich ansehen. auch konnte
ich schon oft den vorwurf der pornografie hören. was soll man dazu
sagen? ich sage schlicht und einfach: "na und?" dies ist ja
auch kein roman von hera lind oder susanne fröhlich. hier werden
liebesakte nicht mit zurückhaltenden worten beschrieben, nein bei
houellebecq gehts nun einmal ums "ficken". wobei ich ehrlicherweise
zugeben muss, dass ich die erwähnte frauenliteratur bisher nie
gelesen habe ...
dass einem helden allerdings auf offener straße einer "geblasen"
wird und sich die dame nach dem vollzug mit genuß die resultierende
flüssigkeit vom gesicht leckt, ich denke solche dinge sind in dieser
ausführlichkeit nur bei autoren zu finden, die sich keine großen
gedanken darüber machen, mit welcher art von kritik sie am ende
zu rechnen haben!
denn solch ein autor ist dieser houellebecq. kommen wir nun also zu
"plattform". ja, zugegeben, in diesem roman kommt es zu unzähligen
sexualszenen, auch sind diese durchaus sehr anschaulich dargestellt,
das buch allerdings als reinen porno abzustempeln ist dann wohl doch
etwas uneinfältig und bringt sicherlich ein wenig prüderie
mit sich. natürlich werden hier männerphantasien dargestellt.
natürlich kann man dies als langweilige klischees hinstellen. geschenkt!
schließlich spielt dieser roman im milieu des sextourismus. und
den fehler, den paulo coelho mit seinem schrottbuch "elf minuten"
(siehe hierzu meine meinung >>>)
gemacht hat, den findet man bei herrn houellebecq sicherlich nicht.
es geht um sex, der autor hat sich für dieses thema entschieden,
also berichtet er auch mit aller ausführlichkeit und den passenden
worten darüber. hier wird die prostitution nicht als blümchen-
oder kuschelsex dargestellt, hier wird schlichtweg gesagt, was sache
ist. jetzt mag man dem autor vorhalten, er befürwortet oder beschönigt
den sextourismus. ich würde eher sagen, er ist ein guter beobachter
und beleuchtet die szene recht gut. auch bekommt man allgemein einen
eindruck hinter die kulissen des tourismusbetriebs. ob nun wirklich
alles so abläuft, oder ob das ganze nur erstunken, erlogen und
erfunden ist, das ist vollkommen egal. man darf nicht vergessen, dies
ist ein roman kein sachbuch.
man kann dieses buch grundsätzlich auf unterschiedliche arten lesen.
zu beginn sicherlich auch als gut gemachten und vor allem genau beobachteten
reisebericht. für mich ist "plattform" allerdings vorrangig
eine liebesgeschichte. der held ist um die 40, alleine, sehr einsam,
im großen und ganzen auch sehr unsymphatisch und mit großem
hass auf die welt. er ist immer noch auch der suche nach der wahren
liebe. zu beginn kann er sich nicht so recht vorstellen, jemals die
große liebe zu finden und holt sich seine sexuelle erfüllung
bei prostituierten. daß er gerade auf seinem - ich sage jetzt
einfach mal ganz direkt "ficktrip" durch thailand unter den
mitreisenden die frau seines lebens findet, scheint von vorne herein
zum scheitern veruteilt. allerdings bleibt ihm bis zum tragischen ende
noch eine kurze zeit des glücks. auch dies alles scheint wieder
mit großen klischees behaftet zu sein. das verhältnis mit
valerie komt wie ein großer traum daher, vor allem aus der sicht
eines mannes. da ist ein alternder kerl, der langsam mit der angst zu
kämpfen hat, keinen mehr hoch zu bekommen und plötzlich gibt
es da diese junge frau, die ihm alles, aber auch alles bietet, was er
sich wünscht. die letztendlich besser im bett ist, als alle seine
vorangegangenen bezahlten liebschaften. was am ende passiert, man kann
es ahnen, die liebe endet durch den tod. auch noch einen sehr sinnlosen.
und gerade der letzte teil des buches, in welchem die verzweiflung und
depression des helden geschildert wird, ist für mich schon sehr
gut gemachte literatur.
houellebecq's sprache ist wohl eher schlicht und sachlich. sie ist direkt.
und das ganze hat mich vom stil her teilweise stark an einen bret easton
ellis erinnert. es scheint auch kein geheimnis zu sein, daß houellebecq
diesen autor sehr verehrt.
bleibt also am ende die frage - muss man dieses buch lesen? natürlich
muss man das nicht! und ich muss nochmals sagen - houellebecq ist kein
schriftsteller für die allgemeinheit. ich war von "plattform"
sehr angetan. damit will ich nicht sagen, dass ich alles, was hier geschrieben
steht befürworten oder gar gut finden würde. aber - und das
macht houellebecq für mich zu etwas ganz besonderem - er bringt
zu papier, was er denkt. und sei es noch so weltfeindlich, brutal oder
pornografisch. er schert sich einen dreck darüber, was kritiker
sagen. er ist erfolgreich, verdient sein geld und das zurecht. man gönnt
es ihm.
gerade die kritik ist doch ein gutes bespiel für das pro und kontra
zu diesem autor. manche zerreissen seine werke, andere verehren ihn
regelrecht. und auch ich denke, es gibt nicht viel dazwischen. ein "naja"
oder "ganz nett" wird man bei houellebecq wohl eher selten
hören.
als nächstes habe ich dann doch die reihenfolge nach erscheinen
der bücher eingehalten und mich der ausweitung
der kampfzone gewidmet. und obwohl dieser erste roman von
houellebecq als sein bester gehandelt wird, muss ich an dieser stelle
die meinung der allgemeinheit zurückstellen. denn ich selbst war
ein wenig enttäuscht. diesem roman fehlt schlichtweg der drive
der anderen bücher. um nicht zu sagen, ich fand es durchwegs ein
wenig langweilig. jetzt mag man mir vorhalten, ich habe es womöglich
nicht verstanden. das glaube ich nicht. und die grundgedanken zu diesem
werk sind schon recht gut, trotzdem hat es mir hier an irgendetwas gefehlt.
ich kann allerdings, ehrlich gesagt, nicht genau beschreiben, was genau.
ich fand seine folgenden romane um einiges besser.
somit nun zu elementarteilchen.
ich muss gestehen, ich habe das buch seit seinem erscheinen im regal
stehen. hatte aber immer ein wenig angst es zu lesen. ich weiß
noch, dass ich damals ein paar seiten begonnen hatte, aber nicht den
rechten zugang finden konnte. das war jetzt glücklicherweise anders.
denn dieser roman ist fabelhaft. er handelt von zwei ungleichen brüdern,
michel und bruno, die aber letztendlich doch eines gemeinsam haben,
sie sind beide ziemlich verhaltensgestört. houellebecq führt
dies vor allem auf das versagen der mutter zurück, scheinbar die
hauptaussage des buches, was aber meiner meinung nach etwas übertrieben
ist. natürlich hat die mutter, die ihre kinder verlässt um
sich einer hippie-kommune anzuschließen, zu beginn des romans
gewiss eine große schuld am aufwachsen der beiden brüder.
ob sie allerdings die alleinige schuld für deren "versagen"
am leben hat, sei dahingestellt.
jedenfalls erzählt uns houellebecq die lebensgeschichte der beiden.
der eine, ein hochintelligenter kerl, wird am ende ein hochrangiger
genforscher. dieses ziel erreicht er im leben, er ist in seinem beruf
erfolgreich. auf allen anderen gebieten, vor allem was die liebe betrifft,
versagt er auf ganzer ebene. auch bruno hat es auf diesem gebiet nicht
unbedingt leichter. er landet in einem internat, wird hier von seinen
mitschülern auf übelste weise gequält und erniedrigt
und wird dieses trauma sein leben lang nicht los. außerdem plagt
ihn seine übertieben ausgeprägte sexsucht. wo und wann es
nur geht muss er sich diesem trieb hingeben und onaniert die meiste
zeit seines lebens. sein problem ist wohl, dass er regelrecht angst
vor den frauen hat, sie als so etwas besonderes sieht, dass er es nicht
schafft sich einer wirklich zu nähern. dieses übertrieben
fehlende selbstwertgefühl macht ihm zu einem sehr einsamen menschen.
und houellebecq zeigt dies vor allem durch die ständige selbstbefriedigung.
und wie wir alle wissen, ist die onanie sicherlich die einsamste art
der sexualität ...
jetzt kann man wie bei "plattform" wieder behaupten, dieser
roman sei ekelig, pornografisch. stimmt. auch hier nimmt der autor kein
blatt vor den mund. und einige stellen sind schon nahe an der grenze
der geschmacklosigkeit. trotzdem sehe ich auch in "elementarteilchen"
die vorzüge hauptsächlich in den liebesgeschichten des buches.
und diese sind von solch einer traurigkeit und wucht, wie ich sie bisher
sehr selten lesen konnte. natürlich kann man houellebecq auch hier
wieder vorhalten, dass es nicht sonderlich einfallsreich ist, diese
tragik nur aufgrund des todes aufzubauen, aber das macht nichts. denn
diese szenen sind einfach fabelhaft gemacht. beispielsweise das verhältnis
von michel und annabel, die sich schon als kinder gekannt haben. und
obwohl dieser typ so anders und fremd ist, gibt es einen menschen der
sich für ihn interessiert, ja sogar beginnt ihn zu lieben. doch
michel in all seinem lebenshass, will davon nichts wissen. vielleicht
sieht er aber auch einfach nicht, dass annabel ihn so sehr liebt. erst
nach zwanzig jahren trennung treffen die beiden wieder aufeinander,
doch das glück hält nicht lange, denn die arme hat unheilbaren
krebs.
auch bruno gelingt nur ein kurzzeitiges glück. nach all den jahren
von einsamkeit, nach all der schwierigen zeit in der er sich seine liebe
mit selbstbefriedigung und prostitution sucht, findet er mit über
vierzig jahren endlich eine frau, die er lieben kann. doch wie schon
erwähnt, muss auch diese endgültige große liebe durch
den tod getrennt werden.
"elementarteilchen" ist für mich ein großes, wichtiges
und sehr lesenswertes buch. aber auch dies ist ein roman, den man entweder
gut oder schlecht findet. ich kann mir kein dazwischen vorstellen. für
mich ist es aber eindeutig houellebecq's bestes werk und ich kann es
jedem nur ans herz legen.
auch wenn "plattform" dazwischen liegt, ist sein neuester
roman die möglichkeit
einer insel wohl eher die fortsetzung von "elementarteilchen".
denn dieses buch endet quasi in der zukunft, michel hat wichtige forschungsergebnisse
auf dem gebiet der genforschung erreicht. natürlich ist es keine
wirkliche fortsetzung, jedoch wird das thema aufgegriffen.
der roman spielt ca. 2000 jahre in der zukunft. das klonen ist mittlerweile
zu etwas normalen geworden. oder besser gesagt, denken dies die sog.
neo-menschen. denn die durch verschiedenste arten der ausrottung übriggebliebenen
"ursprünglichen" menschen sind nur noch vereinzelt auf
der erde zu finden. sie sind den neo-menschen fremd geworden, ja könnte
man sagen, sie sehen sie quasi als minderwertigen abschaum an. die neue
rasse, die klone sind mittlerweile unsterblich geworden. stirbt ein
neo-mensch, verlässt spätestens einen tag später der
"neue" klon die "fabrik" und nimmt dessen platz
ein. allerdings haben sie alles verloren, die sexualität, den realen
kontakt zu anderen neo's, ja im gewissen sinne auch das gefühl
für die liebe. ganz klar, sie müssen sich ja nicht mehr um
die fortpflanzung kümmern. so kommunizieren sie nur noch über
computer miteinander. jeder neo-mensch hat außerdem eine wichtige
aufgabe, nämlich sein leben aufzuschreiben, so dass der nachkommende
das ganze studieren kann.
und so beginnt der roman mit dem bericht von daniel24, der das leben
von daniel1 studiert, welchen wir natürlich auch zu lesen bekommen.
das klingt jetzt womöglich alles etwas kompliziert, ist es aber
letzendlich gar nicht. die lebensgeschichte von daniel1 erinnert natürlich
sehr stark an houellebecq's bisherige werke. auch hier geht es natürlich
wieder um einen menschen, der die welt, in der er lebt hasst, der auf
der suche nach glück und erfüllung der sexualität ist.
und es geht natürlich wieder um das scheitern und das problem,
dass es die wirkliche liebe wohl niemals geben kann. trotzdem darf der
held auch hier wieder allen möglichen arten des sex fröhnen
und seinen saft in den unterschiedlichsten mündern und anderen
weiblichen körperöffnungen verspritzen.
und da dies natürlich auch in diesem roman nicht wirklich die erfüllung
des protagonisten ist, er von den frauen selbstverständlich wieder
enttäuscht wird, sucht er sein lebensziel in den fängen einer
sekte. diese wirbt für die unsterblichkeit. leider scheitert der
wunsch des klonens am anfang, doch wie wir ja durch die berichte von
daniels nachfolgern wissen, es wird irgenwann funktionieren ...
auch houellebecqs neuer roman hat es mir sehr angetan und ich würde
ihn als sehr empfehlenswert und lesenswert beurteilen. bei aller fiktion
werde die grundlagen und ideen durchaus plausibel erklärt und das
ganze ist sehr nachvollziehbar und überaus interessant konstruiert.
auch hier bleibt er seinem stil durchaus treu und vermischt teilweise
sehr direkt beschriebene sex- und gewaltszenen mit sehr zarten und liebevollen
sequenzen. die stärksten momente hat der roman zum ende hin, als
sich daniel25 auf den weg macht, seine sichere umgebung verlässt,
um sich auf die suche nach der großen liebe und den gefühlen
der ur-menschen zu machen. dinge, die er selbst nicht verstehen kann
...
blickt man zurück, habe ich wohl doch einiges zu diesem autor zu
sagen. und man merkt in meinen worten sicherlich, dass ich michel houellebecq
für einen sehr wichtigen schriftsteller unserer zeit bezeichnen
würde. wie schon des öfteren erwähnt, dies ist keine
literatur für jedermann, doch bin ich der meinung, man sollte sich
auf houellebecq einlassen, versuchen, seine werke zu lesen. und vielleicht
wird der ein oder andere ja auch ein fan dieses ungewöhnlichen
schreibers.
BEWERTUNG:
Michel
Houllebecq - Ausweitung der Kampfzone:
*****
Michel
Houllebecq - Elementarteilchen:
*****
Michel
Houllebecq - Plattform:
*****
Michel
Houllebecq - Die Möglichkeit einer Insel:
*****

Philip
Roth - Verschwörung gegen Amerika
"was wäre wenn?" diesen gedanken hatten vor philip roth
schon andere schriftsteller. ich denke da bespielsweise an robert harris'
"vaterland" oder das fabelhafte buch "geschichte machen"
von stephen fry. nun also "verschwörung gegen amerika".
ich muss gestehen, dass ich nicht ganz von diesem roman überzeugt
bin. nur nebenbei bemerkt, es gibt für mich immer zwei arten von
leseerfahrung. das sind bücher, die man unheimlich gerne liest,
von denen man hofft, sie würden nie zuende gehen. und ist man dann
fertig, denkt man, naja, so toll war das ganze jetzt ja nicht unbedingt.
dann gibt es romane, durch die muss man sich regelrecht durchbeißen,
man findet das ein oder andere ganz nett, schafft es aber nicht, vollständig
in die handlung einzutauchen. man blättert vor um zu sehen, wie
viele seiten man noch zu überwinden hat. doch am ende ist man überrascht,
man hat das gefühl, etwas besonderes gelesen zu haben. und so ging
es mir bei diesem buch. ich musste mich wirklich ein wenig überwinden
um am ball zu bleiben. doch am ende war ich doch überrascht, ich
hatte ein wirklich gutes buch gelesen.
wenngleich ich trotzdem einige einwände habe. mir fehlt einfach
ein wenig die kraft oder besser gesagt die wucht hinter der ganzen sache.
ich halte dem autor vor, dass er sich womöglich nicht getraut hat,
das durchaus interessante thema auszureizen. es kann natürlich
auch sein, dass er das böse nur andeuten wollte. die fiktion des
romans ist ja, dass der "deutschlandfreund", um es einmal
ganz sachte auszudrücken, charles lindbergh überraschenderweise
zum präsident von amerika gewählt wird. und zu anfang ist
der dadurch nicht unbegründete antisemitismus auch in aller deutlichkeit
zu spüren. beispielsweise in der szene, in der die familie roth
eine reise nach washington unternimmt. die ganze politische situation
scheint tief im untergrund zu brodeln, man ist auf das schlimmste gefasst.
was passiert ab sofort mit den amerikanischen juden? wird es verhältnisse
wie im mittlerweile freundschaftlichen deutschland geben? nein. das
ganze beschränkt sich lediglich auf ein paar programme, mit denen
versucht wird, die jüdischen familien auszugliedern, die siedlungen
aufzulösen. hierfür wird den treuen arbeitern quasi ein besserer
job, an einem weit entfernten ort angeboten. außerdem gibt es
noch den versuch den starken familienzusammenhalt aus der mitte heraus
zu schwächen, indem man die kinder zu ferienjobs schickt, die sie
natürlich ganz toll finden. so auch in der familie roth. hier "darf"
der ältere bruder auf eine tabakfarm. er ist begeistert und kann
den ständig brodelnden hass seines vaters auf die derzeitige regierung
nicht verstehen.
dies alles ist schon recht gut gemacht. und vielleicht wollte roth auch
gar nicht übertreiben, in dem er wirklich schlimme und vor allem
brutale szenen darstellt. sicherlich wollte er dem leser auch nur die
anfänge einer solchen regierung nahe bringen. trotzdem fehlt mir
hier ein wenig das letzte fünkchen konsequenz an der ganzen geschichte.
ein wenig mehr dramtik wäre letztendlich schon wünschenswert
gewesen. was aber wirklich gelungen ist, man liest den roman und kauft
dem autor alle ideen bis ins kleinste detail ab. er beschreibt diese
zwei jahre so fabelhaft, dass man sich stellenweise dabei erwischt zu
denken, alles wäre wirklich in dieser art und weise geschehen.
vielleicht hätte dies nicht so fabelhaft funktioniert, hätte
roth den fiktiven teil übertriebener dargestellt.
was man dem roman außerdem noch zugute halten muss, es ist ein
durchaus interessanter familienroman. es gibt viele wunderbare, unvergessliche
szenen, die das buch schon zu etwas besonderem machen.
man merkt, ich kann mich nicht entscheiden. ich bemängle dinge,
die ich mir anders gewünscht hätte. gleichermaßen nehme
ich sie wieder zurück, weil das buch sonst vielleicht nicht in
dieser art und weise funktioniert hätte. ich bemerke, dass ich
nicht sonderlich viel freude beim lesen der lektüre hatte, doch
am ende bleiben mir doch viele wunderbare szenen in erinnerung. vielleicht
machen solche gedanken auch die qualität eines buches aus. und
so ende ich am besten an dieser stelle und zwar mit der empfehlung,
dass sich jeder selbst davon überzeugen sollte. lesenswert ist
dieses buch allemal!
BEWERTUNG: *****

Martin
Mosebach - Das Beben
mosebach war mir bisher ehrlich gesagt kein begriff und das wäre
auch besser so geblieben, dann hätte ich mir 25 euro gespart und
vor allem hätte ich nicht viele schier unerträglich langweilige
stunden mit diesem buch verbringen müssen.
glücklicherweise ist nicht jede art von literatur auch für
alle leser gemacht. und diese ist es für mich eindeutig NICHT.
und ich persönlich möchte zwar niemanden von dieser lektüre
abhalten, jeder kann lesen was er will, trotzdem aber davor warnen.
denn hier wird von vielen seiten mit her positiver kritik geworben.
doch leider finde ich weder mosebach's sprache sonderlich gelungen,
noch kann ich unterschreiben, dass er ein großer stilist ist und
dieser roman ist schon gar keine "fulminante liebesgeschichte".
dieses buch ist schlichtweg überflüssige, langweilige literatur
ohne den geringsten charme. es ist mir doch vollkommen egal, ob dieser
unsympathische architekt das klischeehaft gezeichnete flittchen manon
nun bekommt oder nicht. ob sie ihn nun liebt, er sie oder ob diese dumme
kuh nur mit ihm spielt, all das ist in etwa so unwichtig wie wenn in
indien ein fahrrad umfällt.
und da kommen wir auch schon zum zweiten teil des romans, dem größten
teil und leider auch dem noch langweiligerem. als der held erfährt,
dass er von seinem liebchen scheinbar betrogen wurde, flieht er nach
indien, um dort einen auftrag anzunehmen. auch hier muss ich wieder
sagen, das alles hat mich an keiner stelle interessiert. und ich denke
einfach, es liegt daran, wie mosebach das alles beschreibt. ich kann
mit seiner altbackenen sprache nichts anfangen. schon gleich gar nicht
mit seiner unendlichen redseligkeit. hier wird jedes detail unheimlich
ausführlich beschrieben, doch leider schlichtweg ZU ausführlich.
hatte der autor die vorgabe mindestens vierhundert seiten zu schreiben?
die dürftige story wäre mit einer kurzgeschichte von 60 seiten
länge sicherlich auch gut ausgekommen.
und ich habe meine zweifel daran, ob all das beschriebene realistisch
ist. gibt es wirklich solche königreiche in indien? und was kann
dieser architekt eigentlich? ich hätte mir einblicke in das schaffen
eines architekten gewünscht. aber unser held macht die ganze zeit
über NICHTS. er soll berühmt und erfolgreich sein, aber er
arbeitet NIE. am anfang ist er die meiste zeit mit manon zugange und
in indien wird ihm hauptsächlich die kultur und die lebensweise
am königshof gezeigt? wenn der könig dort angeblich so arm
ist, wie kann er sich es dann leisten monatelang einen architekten,
der in seiner position wohl nicht gerade einen geringen lohn verlangen
wird, bei sich wohnen lassen? ohne auch nur den geringsten ausgleich
dafür zu bekommen? nein, ich kann das ganze nicht begreifen. dies
ist nicht meine literatur. mir war das ganze buch zu klischeehaft. konnte
sich der autor nicht entscheiden was er schreiben will? einen bericht
über die arbeitsweise eines architekten - wohl kaum. ich gehe sogar
soweit, dass der autor zu bequem war sich über die arbeitsweise
dieses berufstandes zu informieren. so hat er es vielleicht besser einfach
weggelassen ...
wollte mosebach das leben am königshof im heutigen indien beschreiben
- scheinbar, aber dann wäre ein historischer roman meiner meinung
nach sinnvoller gewesen. oder besser gesagt, es hätte besser zu
seiner altertümlichen sprache gepasst. oder soll dieses geschwätz
doch ein liebesroman sein? nein sicherlich nicht. denn dann hat der
schriftsteller schlichtweg das thema verfehlt. denn von der liebe hat
er nun wirklich keine ahnung. oder wenigstens hatte er noch nie in seinem
leben liebeskummer. denn sonst hätte er ihn sicherlich besser beschreiben
können. wenn es um den tragischen verlust eines menschen geht,
dann muss das mit ein wenig mehr gefühl beschrieben werden. man
sollte erfahren was die menschen denken. und nicht alles so schnell
herunterspielen. die frau enttäuscht einen, naja, dann geh ich
halt mal schnell in ein anderes land.
wie gesagt, ob die beiden langweiler am ende zueinander finden, das
ist doch nun wirklich vollkommen egal. und es sollte auch nicht das
ziel des buches sein. denn auf dieser ebene wird leider keine spannung
erzeugt. und somit muss man den roman auch nicht zu ende lesen. denn
dieses ist noch klischeehafter und unglaubwürdiger als der rest
des buches. und deshalb ist mein tipp in diesem fall, man sollte es
gar nicht erst beginnen!
BEWERTUNG: *****

Florentine & Wolfgang Joop - Rudi Rubi
seit vielen jahren verfolge ich mit großem interesse das
schaffen von wolfgang joop. dieser mensch strotzt nur so vor kreativität
und so etwas fasziniert mich. mit seinen büchern "mein kleines
herz", vor allem aber mit "im wolfspelz" hat er bewiesen,
dass er auch ein ernstzunehmender schriftsteller ist. und somit konnte
ich mir sein neuestes werk natürlich nicht entgehen lassen.
es ist eine zusammenarbeit mit seiner tochter florentine, die dieses
kleine märchen sehr passend und liebevoll illustriert hat. der
text selbst ist wirklich schön zu lesen und recht kurzweilig. man
schafft es sicherlich nicht, jetzt in lobeshymnen auszubrechen, trotzdem
kann ich dieses buch voll und ganz empfehlen.
was ich allerdings nicht verstehen kann, wie konnte joop es erlauben,
das buch mit einem solch minderwertig gestalteten cover auf den markt
zu bringen. das ganze ist so unglaublich lieblos und typografisch scheußlich
umgesetzt, dass man das büchlein am liebsten im regal stehen lassen
möchte. hatte der autor keinen einfluß auf die umschlagsgestaltung.
es muss wohl so sein, denn ansonsten wäre es wohl nicht so gedruckt
worden. was solls, man kann es nicht ändern, außerdem ist
es, wie so vieles, schlichtweg geschmacksache. der inhalt lohnt jedenfalls
den kauf.
BEWERTUNG: *****

Richard
Birkefeld, Göran Hachmeister - Wer übrig bleibt, hat recht
auf den ersten blick erscheint dieses buch wie ein billiger
kriegsroman. ist es aber nicht. denn dieses buch ist ein unglaublich
spannender krimi, der von der ersten bis zur letzten seite mit einer
ungeheuerlichen spannung überzeugen kann. ja, vielleicht sollte
man das ganze sogar als thriller bezeichnen. sogar als einen äußerst
perfekt gemachten thriller, der im deutschland von 1944/45 in berlin
spielt. und die beiden autoren birkefeld & hachmeister, beides historiker,
schaffen es auf eine wunderbare art und weise uns diese furchtbare zeit
näher zu bringen. denn letztendlich ist dies auch ein roman, der
zum nachdenken anregt. ein roman, der die brutalität, grausamkeit
und vor allem die sinnlosigkeit des krieges fabelhaft darstellt. sehr
empfehlenswert!
BEWERTUNG: *****
|