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BÜCHER
AUGUST - NOVEMBER 06
es
scheint, als müsse ich jedesmal, wenn ich hier meine meinung zu
büchern beschreibe, mit ähnlichen worten beginnen. immer wieder
fehlt mir eigentlich die zeit und lust über meine leseerfahrungen
zu schreiben und doch setze ich mich dann irgendwann vor den rechner,
einen stapel gelesener bücher vor mir und möchte davon erzählen.
das letzte mal las ich fast ausschließlich liebesromane und hatte
versprochen, nur noch krimis zu lesen. das wäre letztendlich aber
viel zu langweilig. trotzdem habe ich mit einem begonnen ...

und zwar mit mord
auf ffolkes manor von gilbert adair.
adair war mir bisher nur durch ein buch bekannt, blindband,
welches ich seinerzeit als genial bezeichnet hätte und mir auch
immer noch in guter erinnerung ist. der versuch, einen roman ausschließlich
mit dialogen zu konstruieren, ist dem autor mehr als gelungen. zwar
habe ich noch einige andere werke dieses autors im regal stehen, konnte
mich bisher aber noch nicht aufraffen, sie zu lesen. dann viel mir sein
neuestes buch auf, schon aufgrund des überaus ansprechenden covers.
auch der zusatz "eine art kriminalroman" machte mich hellhörig.
und ich wurde nicht enttäuscht. denn schon nach den ersten seiten
fällt auf, dass es sich hier um ein ganz besonderes buch handelt.
wie schon im klappentext erwähnt, ist dies quasi eine hommage an
agatha christie. und sicherlich ähnelt dieser krimi im aufbau unglaublich
den büchern der englischen schriftstellerin. auch hier ist man
kurz am zweifeln und denkt, kann er es schaffen, einen stil fast 1:1
zu kopieren und trotzdem etwas ganz besonderes schaffen? ja er kann,
schon alleine, weil die idee so originell ist. somit wird man mit einem
wunderbar altmodischen, witzigen wie auch unglaublich spannenden krimi
belohnt, den zu lesen es sich uneingeschränkt lohnt! (Bewertung:
*****)
danach zog ich wieder ein buch von
f. scott fitzgerald aus dem regal. diesmal diesseits
vom paradies. doch die begeisterung hielt sich leider in diesem
fall mehr als in grenzen. dabei war ich von seinen bereits gelesenen
werken der
große gatsby und vor allem von drei
stunden zwischen zwei flügen sehr
angetan. zwar schafft es fitzgerald auch hier perfekt die damalige zeit
zu portraitieren, aber die ganze geschichte mag nicht so recht in fahrt
kommen. über viele strecken hat mich der roman regelrecht gelangweilt.
schade eigentlich. trotzdem verblüfft der autor zwischendurch mit
sätzen wie: nach einem weiteren glas erlaubte er sich den luxus,
seinen tränen freien lauf zu lassen. mutwillig rief er sich kleine
ereignisse vom vergangenen frühjahr ins gedächtnis zurück,
verlor sich in gefühlvollen phrasen, die ihn noch tiefer im kummer
versinken ließen.
und hiermit wäre wieder mit einem satz bewiesen, dass es wenige
autoren gibt, die den schmerz der liebe so wunderbar beschreiben können.
momentan brauche ich eine pause von fitzgerald, werde aber sicherlich
wieder ein buch von ihm zur hand nehmen. und auch diesmal möchte
ich diesen autor uneingeschränkt empfehlen, wenn man auch nicht
unbedingt mit diesem buch beginnen sollte, sich seinem genialen gesamtwerk
zu nähern. (Bewertung: *****)
eine sehr gute freundin hatte mir erzählt,
dass sie ein buch von régis
de sá moreira gelesen hatte. und zwar den vorgänger
das
geheime leben der bücher. so musste ich im buchladen daran
denken und kaufte mir spontan joseph
& clara - eine liebesgeschichte. erst hinterher erzählte
sie mir, sie würde nie wieder etwas von diesem autor lesen, war
ihr das ganze doch viel zu abgedreht. vielleicht trifft das auch auf
"joseph & clara" zu: "abgedreht"! und vielleicht
ist der stil dieses jungen französischen autors nicht jedermanns
sache. trotzdem war ich von dieser kleinen geschichte recht angetan.
schon weil sie wie ein paukenschlag beginnt, wie auf dem buchcover schon
richtig bemerkt wie "ein schlag in den magen". und so schluckt
man schon erstmal, wenn eine liebesgeschichte so beginnt: "das
seil, an dessen ende der körper hing, wirkte neu. der mann, der
den körper bewohnt hatte, musste er eigens gekauft haben. die frau
des mannes saß auf dem boden, den rücken an die wand gelehnt,
und beobachtete das seil."
und so las ich auf den folgenden 165 seiten gespannt, wie es dazu kam,
dass dieser mann keinen anderen ausweg finden konnte, als sich zu erhängen.
und meiner meinung nach schafft es moreira perfekt, gerade die brutalen
und grausamen seiten der liebe mit einer ungeheuren kraft darzustellen.
eine sicherlich nicht gerade romantische oder zärtliche liebesgeschichte,
aber eine, die mich unglaublich berührt hat. man legt das buch
mit einem tiefen seufzer zur seite und ist froh, das ganze durchgestanden
zu haben. vielleicht hat meine bekannte recht, denn ich glaube, auch
ich werde kein buch mehr von diesem autor lesen ... (Bewertung: *****)
nun zu
die arbeit der nacht von thomas glavinic. das buch wird seinen
erfolg sicherlich daniel kehlmann zu verdanken haben, der im spiegel
eine mehr als begeisternde rezension darüber schrieb. auch ich
war begeistert, allerdings leider nur stellenweise. die grundidee ist
sicherlich keine neue. ein mann wacht am morgen auf und muss erkennen,
dass er der einzige mensch auf erden ist. solche szenarien kennen wir
beispielsweise aus filmen wie "28 days later", auch wenn man
dies natürlich in keinster weise mit diesem buch vergleichen kann.
auch hat mich "die arbeit der nacht" stellenweise ein wenig
an "42" von thomas lehr erinnert. natürlich ist auch
dieser roman gänzlich anders, aber die ängste und vor allem
die unwissenheit über eine derartige situation bleiben in etwa
die gleichen.
zu beginn regt der autor den leser zum grübeln an. man legt das
buch immer wieder zur seite und denkt darüber nach, was man selbst
tun würde. und natürlich kommen einen dinge in den sinn, wie
sie auch glavinic beschreibt. der held "leiht" sich zum beispiel
einen sportwagen aus und rast mit höchstgeschwindigkeit durch die
stadt. ähnliche dinge würde sicherlich jedem in den sinn kommen.
doch nach kurzer zeit würde natürlich auch jeder herausfinden
wollen, wie es zu diesem alptraum gekommen ist. mir war dieser roman
stellenweise einfach zu lang. an manchen stellen hat man den eindruck,
dem autor gehe ein wenig die luft, also die ideen aus. letztendlich
will man an einem gewissen punkt nur noch eine auflösung des ganzen
serviert bekommen ... trotzdem, ein sehr interessantes werk, gut geschrieben
mit einigen fabelhaften einfällen. lesenswert! (Bewertung: *****)

auf hundsköpfe
von morten ramsland hatte ich mich unglaublich gefreut. viele
kritiken überschlugen sich fast vor begeisterung zu diesem roman.
auch der buchrücken versucht den leser mit "hundsköpfe
ist ein kracher. ein teuflisch gutes buch" zu ködern. leider
ist dies bei mir nicht gelungen. ich musste den roman nach 86 quälend
öden seiten ins regal zurück stellen. schade eigentlich. vielleicht
werde ich in einer laune wieder einmal danach greifen. viele romane
brauchen dummerweise eine gewisse zeit bevor sie sich entwickeln. andererseits
denke ich, wenn es der autor über fast neunzig seiten nicht geschafft
hat, mich in die handlung hineinzuziehen, hat er seinen beruf verfehlt.
als außergewöhnlicher familienroman angekündigt, durfte
ich zwar sicherlich etwas über äußerst abgedrehte personen
lesen, doch blieben mir diese so unglaublich kalt und fremd, dass es
mich keine sekunde interessiert hat, was noch in deren leben geschehen
wird. für mich also leider eine enttäuschung ... (Bewertung:
*****)
auch von eine
ganz normale familie war ich zu beginn ein wenig enttäuscht.
dabei ist werner
köhler einer meiner lieblingsautoren. (hier
ein interview mit ihm ...) "cookys" und "das mädchen
vom wehr" möchte ich auch an dieser stelle jedem ans herz
legen. es sind einfach brillante romane. und auch meine anfänglichen
zweifel, köhlers neues buch wäre mir zu klischeehaft (in der
ehe kriselt es, mann hat affäre, sohn sitzt im rollstuhl und rebelliert,
tochter ist in der pubertät) wurden nach wenigen seiten ausgelöscht.
denn dieses buch hält was der titel verspricht. vor allem das wort
"normal" ist hier wohl das ausschlaggebende.
denn so langweilig und klischeehaft das hier beschriebenen familienleben
auch erscheinen mag, so realistisch ist es natürlich. und so liest
man gespannt, voller begeisterung und zuneigung, was mit dieser normalen
familie denn so alles passieren wird. und ist am ende doch wieder enttäuscht.
aber einzig und allein deswegen, weil man nach kurzweiligen 400 seiten,
durch das ende des buches gezwungen wird, die szenerie zu verlassen.
wer also immer noch nichts von werner köhler gelesen hat, ist selbst
schuld und verpasst schlichtweg wunderbare literatur! (Bewertung: *****)
nun ein paar worte zu jedermann
von philip roth. auch hier teilen sich die meinungen der kritiker
enorm. die einen vergöttern regelrecht dieses buch, die anderen
finden es überflüssig. vergöttern möchte ich es
ehrlich gesagt auch nicht, aber meine leseerfahrung war durchaus mehr
als positiv.
die handlung ist einfach, der roman beginnt mit der beerdigung eines
mannes. wir wissen also dass er stirbt. die folgenden seiten über
wird nun sein leben erzählt, bis das buch am ende mit sterben des
helden endet. ist man böse und oberflächlich könnte man
natürlich behaupten, die wäre nichts neues und auch nur wieder
ein versuch eines in die jahre gekommenen autors über das leben
und den tod nachzudenken. geschenkt, denn was roth über kurze 170
seiten über zu papier bringt ist schlichtweg fabelhaft. natürlich
lesen wir auch hier von klischeehaften affären, vom scheitern der
ehe, wir werden ausführlichst über die krankheiten des helden
informiert. trotzdem ist dies auf keiner einzigen seite weder langweilig
noch aufdringlich. das ganze ist eher nüchtern, ja meiner meinung
nach sogar zärtlich beobachtet, wenn dies jetzt auch ein wenig
dick aufgetragen klingen mag.
ich habe oftmals an andere autoren gedacht, wie beispielsweise john
updike, der mir mit seinem "landleben" den eindruck vermittelt
hat, hier weint ein alter mann seinem vergangenen sexleben hinterher
um beim schreiben nochmal eine errektion zu bekommen. oder martin walser,
der gleich mal so dick aufträgt und in wunschträume verfällt
in denen sich der held von seiner um jahre jüngeren geliebten,
gleich nach dem ersten treffen darauf freuen darf, sich von ihr die
eier lecken zu lassen. solche platten und mehr als übertriebenen
beschreibungen fehlen glücklicherweise bei philip roth. und so
bleibt meiner meinung nach ein realistischer, ehrlicher und überaus
lesenswerter rückblick auf ein vergangenes leben. (Bewertung: *****)
jetzt zu einem absoluten highlight der letzten zeit! stille
von tim parks. es klingt immer blöde, von lieblingsautoren zu
sprechen, aber einige habe ich schon. und tim parks gehört dazu. drei
bücher hab' ich von ihm gelesen und war begeistert. und das neue ist
auch wieder absolut fabelhaft. es geht um einen 55jährigen mann. ein
in london sehr bekannter starjournalist. er ist moderator einer talkshow
und hat gerade den amerikanischen präsident interviewt. er steht auf
dem höhepunkt seiner karriere. sein sohn hat soeben einen roman geschrieben,
in dem er (obwohl das ganze als fiktiv bezeichnet wird) viele unangenehme
einzelheiten aus cleavers (so der name des helden) leben preis gibt.
von nun an möchte er seiner welt entfliehen und tut dies auch. er sucht
die einsamkeit, die "stille", möchte einfach allein sein. ohne kontakt
zu seinem alten leben. keine zeitungen, kein fernsehen, kein radio,
keine handys. er fährt nach südtirol, landet dort in einem bergdorf
und wohnt eine zeitlang in einem gasthof. er unternimmt lange wanderungen
und ist auf der suche nach einem haus in absoluter stille. dies bekommt
er dann auch. in zweitausend meter höhe, fast vollkommen abgeschieden
von der außenwelt, ohne strom. ein haus gebaut am abgrund. vielleicht
schon von anfang an ein symbolisches zeichen vom scheitern seines vorhabens.
denn aufgrund der nun vollkommenen stille wirken die worte in cleavers
kopf umso lauter. er kann sich von ihnen nicht befreien. er kann nicht
aufhören nachzudenken, er kann keine minute lang abschalten.
und diesen inneren monolog beschreibt tim parks einfach fantastisch.
zu anfangs ein wenig schwer zu lesen, erweist sich die konstruktion
des buches als absolut genial. denn die ganze zeit über denkt der held
über den inhalt des buches von seinem sohn nach, auf diese art und weise
wird dem leser auch sein bisheriges leben näher gebracht. er hatte unzählige
affären, seine ehe scheint nur eine farce zu sein und cleaver kann auch
nach 15 jahren den tod seiner tochter nicht angemessen verarbeiten.
ständig denkt er darüber nach, was hätte er besser machen können und
er ärgert sich außerdem über seinen sohn, der mit seinem roman quasi
rache an ihm nehmen wollte. aus teilweise unersichtlichen gründen, denn
cleaver erscheint uns gar nicht als der dargestellte rabenvater.
zwischen diesen gedanken erleben wir cleavers "neues" leben mit. und
das ist so ungemein spannend, dass ich mich habe zwingen müssen, das
buch zur seite zu legen. natürlich hat ein stadtmensch probleme, weit
entfernt der zivilisation, um es mal ganz krass auszudrücken. wie macht
man feuer? wie kocht man ohne strom? wie wäscht man sich mit eiskalten
wasser? was tut man, wenn man in einer stockdunklen hütte ist und nicht
daran gedacht hat die streichhölzer griffbereit zu haben... ein genialer
roman! tolle story, eine unglaubliche stimmung und das ganze verfasst
in einer brillanten sprache! für mich ist dies ein buch von dem man
sich wünscht es würde nie zu ende gehen ... (Bewertung: *****)
auf leibspeise
von kristian ditlev jensen kam ich eher durch zufall. ich war
in buchhandlungen unterwegs nach einem passenden geburtstagsgeschenk
für eine freundin. stöberte durch die regale mit genauen vorstellungen
darüber, was ich denn verschenken wollte. doch dann zweifelte ich
an meiner auswahl und holte mir hilfe bei einer verkäuferin, lies
mich also beraten. daraus wurde letzendlich ein gespräch von fast
einer stunde und ich ging mit drei büchern und wieder mit dem gefühl
im bauch, welches von diesen dreien ich nun denn verschenken solle.
für das eigentliche geschenk wurde mir nämlich "das rätsel
der masken" (siehe unten) empfohlen. "leibspeise" war
eigentlich für mich selbst gedacht. aber nach der hälfte der
lektüre entschied ich mich, genau dieses müsse es sein. und
wenn ich es wage jemanden quasi ein buch "aufzudrängen",
dann muss ich sehr davon angetan sein.
und das bin ich von jensens roman. denn er ist mehr als außergewöhnlich.
die handlung ist eigentlich schnell erzählt, der aufbau des buches
und seine originalität allerdings schwer zu beschreiben. der held
ist ein restaurantkritiker, seine japanische frau beging selbstmord
und von nun an versucht er sein leben neu in den griff zu bekommen,
die tragödie gleichermaßen zu vergessen wie zu begreifen.
dies wird eigentlich so nebenbei in die handlung eingeflochten. einen
großteil des textes nimmt eher die liebe zum "essen"
ein. nebenbei bemerkt könnte man auch sagen, dies ist ein werk
über liebe und essen. und, um ehrlich zu sein, kann man
im leben auf beides nicht verzichten, auch wenn man sich das oftmals
wünschen würde.
jensen nimmt uns mit auf eine reise in die verschiedenen kulturen, von
italien über frankreich, portugal nach amerika und letztendlich
nach japan. in jedem land erfahren wir sehr viel wissenswertes über
die dort vorherrschenden essgewohnheiten. und das ist so unbeschreiblich
interessant, vorausgesetzt man hat auch nur ansatzweise gefallen am
thema "essen". zu beginn denkt man noch ein überaus sinnliches
buch in den händen zu halten, doch scheinbar wäre diese eigenschaft
der nahrungsaufnahme dem autor zu langweilig gewesen. und so verblüfft
er uns mit einer sprachlichen kunst auch immer wieder mit überaus
direkten, ja manchmal fast derben beschreibungen. jensen nimmt kein
blatt vor den bund und ich kann mir gut vorstellen, dass sich manchem
zartbesaitetem leser ab und zu mal der magen umdrehen wird. aber genau
dies macht dieses buch zu etwas ganz kostbaren, weil es eben in keinster
weise vorhersehbar wirkt und wir von kapitel zu kapitel mit neuen, überaus
genialen zeilen belohnt werden. bleibt am ende nur noch die hoffnung,
dass die "beschenkte" eine ebenso positive meinung von "leibspeise"
haben wird, wie ich selbst. (Bewertung: *****)
aufmerksam wurde ich auf wie
der soldat das grammofon repariert von saša stanišic durch die
vorschau des luchterhand verlages. ich kaufte das buch und war überrascht,
als es für den deutschen buchpreis nominiert wurde. leider hatte
ich es noch nicht gelesen. im nachhinein finde ich die nominierung sehr
gerechtfertigt, als sieger hätte ich mir den autor trotzdem nicht
gewünscht.
es ist schwierig die handlung und vor allem die konstruktion dieses
werks in worte zu fassen. außerdem möchte ich es mir von
vorne herein sparen, weil gerade dies wohl die originalität des
ganzen ausmacht. letztendlich handelt es sich um ein erinnerungsbuch
eines jungen menschen, der noch während des bosnienkrieges seine
heimat verlassen muss. so ist dies vorranging natürlich ein autobiografischer
bericht. doch die sprache mit der uns der autor hier verblüfft
und dieses nicht gerade neue thema (verarbeitung der kindheit und des
krieges) zu papier bringt ist sensationell. vor allem, weil "deutsch"
ja eigentlich nicht die sprache von stanisic ist. trotzdem schreibt
er besser, als so mancher deutsche autor. dies sollte man ihm hoch anrechnen.
leider war mir das ganze auf die dauer zu anstrengend. denn dies ist
sicherlich kein text, den man begreift, wenn man mal ein paar seiten
vor dem einschlafen liest. man muss sich schon ein wenig konzentrieren
und sich darauf einlassen.
am meisten berüht hat mich allerdings die liebesgeschichte. aleksandar
verbringt in seiner kindheit viel zeit mit asija. doch plötzlich
muss er quasi über nacht das land verlassen, hat keine gelegenheit
mehr sich von ihr zu verabschieden. von deutschland aus schreibt er
ihr immer wieder briefe, möchte wissen ob es ihr gut geht. er vermisst
sie und setzt alle mittel in bewegung sie ausfindig zu machen. ein wunderbares
kapitel beschreibt seine versuche sie telefonisch zu erreichen, doch
bei jedem fünfzehnten anschluss hat er leider nur den anrufbeantworter
dran. dies hindert ihn allerdings nicht daran, sein anliegen allen möglichen
leuten auf band zu sprechen. und so lesen wir so wunderbare stellen
wie:
hallo asija, hier spricht aleksandar. asija ...? bist du da ...?
bitte heb ab ... weisst du, du fehlst mir, und würdest du abheben,
könnte ich dir vielleicht sagen, was es genau ist, das mir an dir
fehlt // asija? hier spricht aleksandar. der mit den großen ohren.
der aus dem keller. der dich schön nannte, weil es keine bessere
farbbezeichnung für dein haar gab. // asija, ich werde dein haar
suchen und in allen gesichtern deine stirn. in alle gespräche werde
ich deinen namen wie einen samen säen und hoffen, dass er zu einer
blume wächst. lieber anrufbeantworter, kennen sie eine blume namens
asija?
wenn dies nicht wunderbare literatur ist, was dann? (Bewertung: *****)
allzu viel über das
heilige buch der werwölfe von viktor pelewin zu erzählen
wäre schade. denn man sollte dieses buch quasi für sich selbst
entdecken. selbst entscheiden ob es genial oder überflüssig
ist. für mich war es beides. denn manche stellen sind schlichtweg
umwerfend und der autor überzeugt mit einer unheimlichen fantasie,
die ich schon lange nicht mehr in dieser art und weise lesen durfte.
vor allem aber sind seine beschreibungen über werwölfe und
werfüchse so unglaublich realistisch, dass man an keiner stelle
den eindruck hat, das ganze wäre überhaupt erfunden. fast
möchte man meinen, es ist ganz und gar selbstverständlich,
dass solche lebewesen unter uns weilen. manchmal trägt er dann
aber ein wenig zu dick auf und legt seiner heldin worte in den mund,
von denen klar ist, dies sind dinge, die der autor selbst unbedingt
loswerden wollte und sich eine romanfigur für diese aufgabe ausgesucht
hat.
letztendlich behandelt auch dieser roman wieder das große thema
der liebe und pelewin hat stellenweise sehr schöne und passende
gedanken dazu, beispielsweise wenn seine heldin sagt:
das lächeln in seinem gesicht entschädigte mich ausreichend
für alle meine zustände. tschechov hat schon recht gehabt:
die weibliche seele ist ihrer natur nach ein leeres gefäß,
gefüllt mir freud und leid des geliebten...
solche worte aus dem mund einer werfüchsin, was will man mehr
;-)
vielleicht hat mich das buch am ende auch beeindruckt, weil alexander
sery (was im russischen "grau" bedeutet) von der heldin liebevoll
als "mein grauer" angeredet wird. denn auch ich werde in letzter
zeit immer wieder so genannt, kein wunder, verliert mein haar doch von
jahr zu jahr mehr seine ursprüngliche farbe ... grau und alt -
vielleicht auch eine gute überleitung zum nächsten buch ...
(Bewertung: *****)

und das ist älter
werden von silvia bovenschen. hier stellt sich natürlich
die frage, warum sollte man mit 35 jahren ein "sachbuch" über
das älter werden lesen? eine ganz einfach antwort, weil es sich
lohnt. vielleicht ist ein junges publikum nicht unbedingt die zielgruppe,
die die autorin ansprechen möchte, doch selbst in meinem alter
konnte ich einige beschreibungen der autorin durchaus nachvollziehen.
und wenn man heutzutage mitbekommt, dass ein junges "popsternchen"
sich unwohl fühlt, weil sie fanpost von 30jährigen bekommt
und diese als "alt" bezeichnet, dann fragt man sich schon,
muss ich mir langsam gedanken über mein lebensende machen? auch
ich durfte zuletzt am eigenen leib spüren, dass ich scheinbar nicht
mehr allzu "frisch" aussehe, als ich in der stadt gefragt
wurde: "können SIE mir bitte sagen, wie spät es
ist?"
was ich damit sagen will, älter werden betrifft jeden von uns und
deshalb sollte auch jeder dieses wunderbare sachbuch lesen. vor allem,
weil dies zwar als solches bezeichnet wird, aber in keinster weise ein
trockenes sachbuch ist. silvia bovenschen hat ihre gedanken zum altern
in einer wunderbar zarten art und weise geschrieben. so ist dieses buch
wohl eher eine art erinnerungsbuch und könnte auch als autobiografie
dieser wunderbaren frau angesehen werden. einer frau, die sicherlich
kein leichtes leben hatte. doch sie berichtet nur darüber, niemals
gibt es an irgendeiner stelle worte über verzweiflung. diese frau
lebt und sie liebt ihr leben obwohl sie an einer schweren krankheit
leidet. somit ist dies auch buch, das unglaubliche hoffnung und lebensmut
ausstrahlt und das wichtigste daran, der autorin gelingt dies ohne erhobenen
zeigefinger. ich wünsche diesem buch noch unendlich viel erfolg
und viele leser! (Bewertung: *****)
ein ähnlich brillantes buch ist sicherlich
dossier k. - eine ermittlung von imre kertesz.
auch dieser mensch, schriftsteller und sogar literaturnobelpreisträger
hatte alles andere als ein leichtes leben. er hat auschwitz überlebt
und kämpft nun seit jahren damit. warum er? warum mussten so viele
unschuldige menschen ihr leben lassen und er gehört zu den überlebenden?
diese qualen hat er seitdem versucht in seinen büchern zu verarbeiten.
sicherlich ist das schreiben für ihn eine art aufschub des selbtmordes
und vielleicht war es ihm auch zu einfach, sich das leben zu nehmen,
ist das weiterleben in solch einer sitution um einiges mutiger und schwerer,
als sich womöglich eine kugel in den kopf zu jagen, um die stimmen
im kopf verstummen zu lassen.
ich muss gestehen, dass ich bisher noch nichts von imre kertesz gelesen
habe. ich denke, ich werde es nachholen. denn dieses buch, diese autobiografie
macht lust auf mehr, macht neugierig auf die werke dieses autors. das
besondere an diesem buch ist sicherlich die art und weise in der es
geschrieben wurde. es handelt sich hierbei nämlich um eine art
interview. der autor befragt sich also quasi selbst. und schon diese
geniale kleinigkeit unterscheidet dieses buch von anderen erinnerungen
und macht es zu etwas ganz besonderem. ich habe auch versucht beim
häuten der zwiebel von günter grass zu lesen. zu anfangs
war ich eigentlich recht angetan von seinen erinnerungen. doch dann,
es ist schwer zu beschreiben warum, verlies mich die lust, es hat mich
einfach nicht mehr interessiert, dass grass in seiner kriegsgefangenschaft
das suppe kochen erlernt hat. mir war das ganze irgendwann zu dick aufgetragen,
zu schwülstig, schlichtweg zu viel. im vergleich zu grass ist kertesz
bericht schon fast minimalistisch und erscheint so um einiges ehrlicher.
hier hat es mich über die gesamten 230 seiten hinweg interessiert,
fasziniert und berührt, was dieser mensch zu sagen hat. also auch
an dieser stelle eine uneingeschränkte leseempfehlung und die tatsache
darüber, dass die besten geschichten einfach das leben selbst schreibt.
warum etwas erfinden, wenn das wirklich erlebte mehr zu bieten hat als
jede fiktion. (Bewertung: *****)
zum ende hin nochmal zu zwei romanen. und gleich beginnen möchte
ich mit die
see von john banville, weil auch dieses schmale buch von gerade
mal 230 seiten mehr zu bieten hat, wie mancher 800-seiten- roman. ein
wenig kann man banvilles buch sicherlich mit "jedermann" vergleichen,
auch hier ist der held ein alter mann, der über sein leben nachdenkt.
doch müsste ich mich für ein buch entscheiden, so würde
es "die see" sein, denn dieses hat mich letztendlich noch
mehr beeindruckt. der autor wurde für diesen roman mit dem "booker
prize" ausgezeichnet. zurecht sagen die einen, unverdient die anderen.
sollen sie weiter streiten, ich jedenfalls bin der meinung, dies ist
ein brillantes buch. ein überaus ruhiges, langsames, so vollkommen
unspektakuläres buch, dass aber in seinem tiefsten innern zutiefst
kalt und mit einer unglaublichen kraft daher kommt, dass es schon fast
genial ist. alle menschen die hier vorkommen, sind auf ihre art und
weise vollkommen unsympatisch, menschen die man selbst nicht kennen
möchte. und trotzdem, vielleicht auch gerade deshalb, ist es so
interessant über sie zu lesen. der held des romans hat seine frau
verloren, scheinbar widmen sich heutzutage (siehe oben "leibspeise")
viele autoren dem thema verarbeitung vom verlust eines geliebten menschen
und der damit verbundenen grausamkeit der tatsache von nun an alleine
weiterleben zu müssen.
diesen gedanken kann sicherlich jeder nachvollziehen. schon allein in
einer abgeschwächten version. beispielsweise eine geliebte person
auch nur zu verlassen oder von ihr verlassen zu werden. augenblicklich
schießen einem gedanken in den kopf, die man sich nicht einmal
vorstellen möchte. wie groß wird die "leere" in
einem sein, wenn man nie wieder mit diesem mensch sprechen kann, ihn
nie wieder lachen sieht, nie wieder seine stimme hören darf, nie
mehr gedanken und glückliche erlebnisse mit ihm teilt, ganz abgesehen
davon ihn nie wieder berühren zu dürfen. eine steigerung davon
ist sicherlich die entgültige trennung durch den tod. so bleibt
bei einer trennung wenigstens noch ein funken hoffnung, dass sich doch
alles wieder zum guten wendet, im todesfall stirbt aber auch die geringste
aussicht daran. was wird man also tun?
unser held versucht zu vergessen, versucht sich abzulenken und reist
in den ferienort seiner kindheit. wird hier allerdings mit ähnlich
schlimmen erinnerungen gequält. seine unerfüllte liebe zu
der mutter einiger spielgefährten. dann plötzlich entscheidet
er sich doch für die tochter die in seinem alter ist, erlebt einige
wunderbare stunden, welche aber leider auch ein tragisches ende finden.
banville vermag dies alles in einer außergewöhnlich brillanten
sprache zu erzählen. für mich war dieses buch ein unglaubliches
leseerlebnis, dies ist unbestritten ganz große literatur!also
unbedingt lesen! (Bewertung: *****)
ich weiß nicht, wann ich mir wieder die zeit nehmen werden, stundenlang
vor dem rechner zu hocken um von büchern zu erzählen. vielleicht
werde ich diese jahr keine muse mehr dazu haben, somit am ende noch
einen wunderbaren schmöker, ein buch, welches perfekt zu der kommenden
jahreszeit passt. eingekuschelt in eine decke lässt es sich mit
solch einem roman viel besser leben.
ich spreche von das
rätsel der masken von elia barcelo. auch hier geht es vorrangig
um das große thema der liebe. um die breit angelegte story mit
der die autorin auf bezaubernde weise davon berichtet. den sprachlichen
vergleich mit einem stilisten wie banville kann barcelo sicherlich nicht
bestehen, aber das macht gar nichts. bei dem einen buch darf man sich
gerne anstrengen, bei diesem bekommt man den lesegenuss auf eine eher
leichte art und weise serviert. und auch das macht gute unterhaltung
aus. denn das buch liest sich weg wie nichts. es ist durchwegs spannend
und durchdacht erzählt und vermag so über die gesamte zeit
hinweg perfekt zu unterhalten. es ist die geschichte eines autors, der
eine biografie über einen bekannten schriftsteller schreiben will
und an allen stellen ersteinmal nur ablehnung findet. keiner der von
ihm befragten personen mag bereitwillig auskunft geben. im weiteren
verlauf der handlung erfahren wir auch warum. denn alle verbergen die
wahrheit perfekt hinter einer maske und erst am schluß erfährt
der leser, was wirklich passiert ist. doch auch barcelo hat mich stellenweise
mit klugen und wunderbaren sätzen überrascht:
"... schließlich ist man machtlos gegenüber seinen
obsessionen und kann nichts dafür, daß die liebe so langsam
stirbt oder: es gibt dinge, die scheinen nie zu kommen, und dann
sind sie plötzlich schon vorbei. darum muss man sie mit aller kraft
festhalten, sie so tief einsaugen und den duft der glücklichen
stunden in flakons einfangen, um ihn in schlechten zeiten, wenn nichts
mehr von allem geblieben ist, entströmen zu lassen ...
wunderbare worte und wie ich finde ein satz, den man nicht nur auf die
liebe sondern auch auf die literatur übertragen kann! viel spaß
beim lesen! (Bewertung: *****)
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