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BÜCHER NOVEMBER 05




Arno Geiger - Es geht uns gut

GEWINNER - Deutscher Buchpreis 2005

über dem buch thront unübersehbar das logo des "deutschen buchpreises". dieser, in meinen augen sehr wichtige preis wurde dieses jahr zum ersten mal verliehen. kritiker, verleger und schriftsteller, unter ihnen beispielsweise verena auffermann und bodo kirchhoff haben zahlreiche deutschsprachige bücher unter die lupe genommen, um eine sog. "longlist" mit 20 titeln aufzustellen. danach wurde weiter aussortiert, bis am ende sechs finalisten auf der "shortlist" landeten. nebenbei bemerkt ist es wirklich witzig, dass man einen preis in deutscher sprache vergeben möchte, aber keine geeigneten deutschen worte für long- und shortlist finden kann. aber egal, so ist das heutzutage nunmal ...

am 17. oktober war es dann soweit. die jury hat sich für arno geiger entschieden. ich denke, die wahl ist berechtigt und geiger hat den preis sicherlich verdient. auch wenn die konkurenz natürlich auch beachtliche arbeit vorgelegt hat.
würde man beispielsweise die sprache dieses romans mit politycki, lehr und auch kehlmann vergleichen, dann kommt geigers text schon fast simpel und absolut unaufdringlich daher. somit kann man "es geht uns gut" nicht unbedingt als sprachliches kunstwerk bezeichnen. aber das macht ja auch gar nichts. denn das buch ist dadurch so herrlich leicht und "süffig" zu lesen. ist doch auch einmal schön, wenn man wunderbar unterhalten wird, ohne sich anstrengen zu müssen. außergewöhnliche sprachakrobatik muss ja nicht unbedingt mit gutem inhalt gleichzusetzen sein. und vom inhalt her ist geigers roman einfach fabelhaft.

meine positive kritik mag auch an meinem derzeitigen interesse an familienromanen liegen. so hatte ich diesen monat schon das glück "houwelandt" für mich zu entdecken, jetzt auch noch arno geigers brillantes buch.
also, wie angedeutet, "es geht uns gut" ist eine famliengeschichte, die verschiedene generationen zwischen 1938 und 2001 beobachtet. das ganze spielt in österreich, ist also auch ein roman über die geschichte dieses landes. allerdings schafft es geiger fantastisch nicht die politischen und geschichtlichen ereignisse in der vordergrund zu drängen. im gegenteil, all dies wird nur nebenbei angedeutet. hauptsächlich geht es um die personen selbst.
da ist zum beispiel philipp. ein nicht gerade erfolgreicher schriftsteller, der eine heruntergekommene villa von seiner großmutter geerbt hat. er hat eigentlich gar nicht viel für die vergangenheit seiner familie übrig. im gegenteil, er interessiert sich einen dreck dafür. von philipp würden wir also absolut nichts erfahren. und so ist es ausschließlich arno geigers trick zu verdanken, dass wir schließlich doch mehr über diese familie zu hören bekommen. denn er stellt über alles eine art unvoreingenommenen berichterstatter, der uns alles erzählt. geschichten von philipps großvater, seiner großmutter, natürlich auch von seinem vater und natürlich von seiner mutter. ich könnte jetzt all diese personen ausführlich beschreiben und erklären, wer was zu welcher zeit erlebt hat. das spare ich mir allerdings. dies sollte man schlicht und einfach selbst "erlesen"...

was man arno geiger hoch anrechnen muss, er schafft es perfekt, sich in die unterschiedlichen zeiten hineinzuversetzen. er vermag es also nicht nur über seine generation zu schreiben (im buch philipp), sondern auch über all die anderen. keine zeitepisode, keine figur scheint hier falsch beschrieben. und das ist schon etwas besonderes. denkt man beispielsweise an relativ in die jahre gekommene autoren, die versuchen über jugendliche in unserer zeit zu berichten. ich könnte einige beispiele nennen, bei denen dieser versuch mehr als misslungen ist.

ist die auszeichnung von arno geiger also letztendlich gerechtfertig? für mich schon, ich freue mich sehr für den sympathischen und bescheidenen autor. allerdings wird von nun an eine schwere last auf seinen schultern liegen. so kann man jetzt schon vorheresehen, dass all seine weiteren werke an diesem buch gemessen werden. und natürlich auch an dem preis. es bleibt also interessant, was geiger als nächstes vorlegen wird.

der buchpreis an sich ist sicherlich eine tolle sache. mit dem ziel, auch einmal deutschprachige autoren ins rampenlicht zu stellen. viele denken wohl immer noch, dass nur die amerikanischen und englischen autoren gute romane schreiben können. leider ist dem nicht immer so. deshalb ist es schon sehr vorbildlich, dass auch literatur aus unseren landen den respekt zugeteilt bekommt, den sie verdient!

BEWERTUNG: ****
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Gert Loschütz - Dunkle Gesellschaft - Roman in zehn Regennächten

NOMINIERUNG [Shortlist]- Deutscher Buchpreis 2005

eigentlich verrät schon der titel, dass man es hier mit etwas "düsterer" literatur zu tun hat. also
eine art dunkler krimi? oder eher eine geistergeschichte? ja und nein. denn würde man diesen roman einem leser geben, der ausschließlich krimis liest, er würde sicherlich an der lektüre scheitern. das liegt vor allem am aufbau. denn loschütz hält sich nicht gerade an regeln, die an einen linearen erzählablauf erinnern. außerdem ist dies nicht unbedingt ein roman, wie auf dem unschlag zu lesen ist, sondern es sind wohl eher "zehn geschichten in regennächten". allerdings sind diese geschichten miteinander verknüpft und haben alle den ich-erzähler thomas als helden. dieser ist binnenschiffer und erinnert sich in den einzelnen episoden an zehn ereignisse aus seinem bisherigen leben.
über die grundstimmung der geschichten, die - wirft man wieder einen blick auf den umschlag - natürlich in der nacht und im regen spielen, muss wohl auch nicht viel verraten werden.
während des lesens schwankt man immer zwischen einer beurteilung von genial zu bescheuert. jedenfalls ging es mir so. denn die einzelnen episoden sind mit einer so ungeheuerlichen kraft und dichte erzählt, von so einer sogähnlichen spannung durchzogen und haben eine ganz außergewöhliche stimmung. etwas ähnliches habe ich selten gelesen. doch - und jetzt kommen wir zu "bescheuert" - keine dieser erzählungen wird aufgeklärt. loschütz lässt den leser im wahrsten sinne des wortes, zusammen mit seinem protagonisten, im dunklen regen stehen!

um nur ein beispiel zu nennen. thomas ist auf der suche nach einer wohnung. in seiner tasche hat er den zettel mit der adresse. aber in der stadt, in der er sich gerade befindet ist dieser ort nirgendwo zu finden. er kommt zu einem gasthaus. die unheimliche besitzerin macht ihm begreiflich, dass er sein ziel in der nacht wohl nicht mehr erreichen würde. es wäre zehn kilometer weg. ein bus fahre erst am darauffolgenden tag, ein taxi zu bekommen wäre nahezu unmöglich. also lässt er sich überreden und mietet ein zimmer. auf dem weg dorthin sieht er durch eine offene tür einen jungen onanieren. das ganze scheint nahezu gruselig, geheimnisvoll. auch in dem zimmer fühlt er sich nicht wohl. er beschließt den ort so schnell wie möglich zu verlassen. doch vor der haustür steht der junge. er erklärt ihm zwar den weg, folgt ihm aber auf schritt und tritt. am ende findet thomas die wohnung, aber der junge steht die ganze zeit über vor dem haus, erzählt wirres zeug darüber, dass thomas doch sein vater wäre ... - ende - nächstes kapitel.

so in etwa kann man sich das gesamte buch vorstellen. ich hoffe, ich konnte einen eindruck darüber vermitteln, wie fabelhaft der autor hier mit den ängsten des lesers spielt, indem er solch außergewöhnlich unheimliche geschichten erzählt. doch warum klärt er uns am ende nicht auf? das ist die frage, die sich mir die ganze zeit über gestellt hat. soll das ganze eine art kunstgriff sein? wäre das buch nicht gleichermaßen gelungen, hätte man die erlebnisse auch nur ansatzweise aufgelöst. ich kann es nicht genau sagen, denke aber schon. denn die spannung wäre noch unerträglicher gewesen, gerade weil man ja wissen möchte, was denn nun am ende wirklich passiert. doch so liest man, wird in den sog der spannung regelrecht hineingezogen, um dann am ende leeren überlegungen dazusitzen. denn beim besten willen ist es mir nicht gelungen die auflösung der episoden zu deuten.

trotzdem - oder gerade deshalb - ist "dunkle gesellschaft" ein ganz besonderes buch. zurecht wird gert loschütz mit autoren wie poe oder kafka verglichen. die frage ist nur, ist dies literatur für jedermann? und hier denke ich, es wäre besser mit einem "nein" zu antworten. obwohl die grundidee des textes und auch große teile davon sicherlich auch leser ansprechen dürfte, die normalerweise eher seicht gestrickte krimis bevorzugen. aber dann wird es sicherlich schon im vorfeld am titel hapern. ich sehe jetzt schon einige meiner freunde mit einem kopfschütteln sagen: "wie kommt man denn auf so etwas?". denn wenn über einem buch nicht grisham, brown oder mankell steht, ist es von vorne herein ersteinmal uninteressant. doch von von solchen autoren hebt sich loschütz mehr als positiv ab. und warum nicht nicht auch mal zeit für eine art "kunstroman" opfern. auch wenn man am ende ein wenig ratlos zurückgelassen wird, die zeilen zwischendrin sind schlichtweg großartige literatur!

BEWERTUNG: ****
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Thomas Lehr - 42

NOMINIERUNG [Shortlist]- Deutscher Buchpreis 2005

als eine besuchergruppe nach einem besuch im unterirdischen kernforschungszentrum CERN wieder an die oberfläche kommt, steht plötzlich die zeit still. und zwar an einem sonnigen augusttag, genau um 12.47 uhr und 42 sekunden. wohl eine möglichkeit der titelinterpretation von thomas lehr‘s neuen roman. oder aber man denkt an „shi ni“, zweiundvierzig, was im japanischen so viel wie „tod“ bedeutet. tot sind die 70 übrig gebliebenen menschen in lehr‘s horrorvision zwar nicht, aber im wahrsten sinne die welt in der sie sich von nun an bewegen. denn diese steht still, nur die kleine gruppe aus wissenschaftlern und journalisten kann sich frei bewegen. alles andere erscheint wie eine fotografie in 3D, ist regelrecht eingefroren. menschen in ihren bewegungen, vögel und flugzeuge am himmel, insekten, die über den mülleimern schweben ...

von dieser welt berichtet der ich-erzähler, er ist einer der „chronofizierten“. uns so sieht man das stillstehende land mit einer sonderlichen faszination und folgt lehr‘s gedankengängen mit großem interesse. denn was passiert, wenn die zeit plötzlich wieder „erwachen“ würde? wenn man beispielsweise vor einem auto steht, welches eigentlich 70 km/h schnell fährt? solche gedanken und ängste gibt es natürlich unendlich viele in diesem buch. und es ist nahezu unmöglich hier alle brillanten einfälle zu erwähnen. auch ist man zu anfangs regelrecht begeistert beim lesen. weil lehr uns nur häppchenweise neue details offenlegt. zwischendurch ertappt man sich dabei, was man tun würde, wäre man selbst in solch einer zeitblase gefangen. ersteinmal versucht man sicherlich zu verstehen, warum das ganze passiert ist. hat man sich mit dem gedanken abgefunden, wird man die welt genauer beobachten, um zu sehen, wie man weiterhin in ihr überleben kann.
wird man verhungern? scheinbar nicht, denn man kann sich ja an den reichhaltigen speisen „erfreuen“, die beispielsweise in einem restaurant noch auf den tellern liegen oder im kochtopf dahin brutzeln. glücklicherweise sind diese gerichte auch immer noch warm. auch nach jahren des stillstands.
zwischendurch plagt die hauptperson natürlich dinge wie die suche nach trinkbarem. oder das problem der körperpflege. denn mit dem zeitstillstand gibt es logischerweise auch kein fließendes wasser mehr. und schnell mal die klospülung betätigen, dass geht leider nicht!

aber auch seelische probleme scheinen von anfang an vorhanden zu sein. die zeit ist mittags eingefroren. das mag gut sein, man hat immer licht, es ist warm, aber wird man jemals wieder einen sonnenuntergang zu gesicht bekommen?
natürlich machen sich die „überlebenden“ auch gedanken darüber, was mit ihren angehörigen geschehen ist. die frau des ich-erzählers wollte zum beispiel mit einer freundin urlaub an der ostsee machen. also versucht er sie zu finden. da aber keinerlei fortbewegungsmittel mehr funktionieren müssen alle entfernungen ausschließlich zu fuß überwunden werden. daß dies für manch anderen, dessen familie sich beim stillstand möglicherweise in japan befindet, ein unüberwindliches unterfangen darstellt, führt selbstverständlich zu schweren depressionen.

nun aber genug mit gedanken und ereignissen aus dem buch. ich darf einfach nicht zu viel verraten, sonst würde ich jedem die freude am entdecken dieses besonderen buches verderben. man staunt von seite zu seite über neue ideen, die thomas lehr hier darlegt. auch die sprache, die er hiefür verwendet ist fabelhaft und einzigartig. trotzdem möchte ich gelegenheitsleser, die sonst eine eher einfache erzählweise gewohnt sind, vor dieser lektüre warnen. denn man muss sich schon ein wenig konzentrieren, um am ball zu bleiben. trotzdem, die idee und mehr als die hälfte des buches würde ich als meisterwerk bezeichnen. doch dann lässt der roman meiner meinung nach etwas nach. um ehrlich zu sein, ich fand es dann stellenweise doch sehr verwirrend und unverständlich. ich konnte lehr‘s gedanken und vor allem seinen versuch der aufklärung der ganzen sache nicht mehr recht nachvollziehen. hier hätte ich mir dann doch ein wenig mehr einfachheit im aufbau gewünscht.

trotzdem werde ich das buch als unglaublich lesenswert beurteilen. die grundidee und die beschreibungen, gedanken und geschehnisse in der stillstehenden welt sind schlichtweg genial! vielleicht wird mein urteil auch dadurch noch ein wenig beeinflusst, weil einer der protagonisten den namen „sperber“ trägt. ein anderer kommt aus nürnberg.

thomas lehr‘s roman wurde übrigens vollkommen zurecht für den deutschen buchpreis nominiert. ich hätte ihm den preis gegönnt und freue mich auf weitere ideen in buchform, von einem äußerst talentierten autor.

BEWERTUNG: ****
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Matthias Politycki - Herr der Hörner

NOMINIERUNG [Longlist]- Deutscher Buchpreis 2005

bisher habe ich immer versucht, meine ehrliche meinung zu büchern hier darzulegen. und so bin ich auch wirklich ehrlich und muss gestehen, dass ich mit politycki's "weiberroman" so meine schwierigkeiten hatte. für mich ein sehr undurchschaubares und anstrengendes, ja nahezu unleserliches buch. ich konnte es einfach nicht zu ende lesen. und ich hatte mir geschworen, nie mehr einen roman von diesem schriftsteller zur hand zu nehmen. zum glück habe ich es nicht eingehalten. denn "herr der hörner" ist ein meisterwerk deutscher gegenwartsliteratur.

die handlung ist schnell erzählt. ein mann trifft auf einer urlaubsreise auf kuba eine frau. er ist sofort regelrecht verzaubert von ihr. so sehr, dass er sein bisheriges leben, samt beruf und familie aufgibt, nach kuba geht um diese frau zu finden.
dies alles sollte eigentlich kein problem sein, doch von tag zu tag wird es zu einem. und zwar sogar zu einem sehr großen. denn der held wird immer tiefer in das kubanische leben hineingezogen. mit allem was dazu gehört. unverständnis der verhältnisse, der sprache, der lebensweise der menschen dort. denn broder broschkus macht nicht einfach urlaub in dem fremden land. nein, er mietet sich eine wohnung und lebt wie ein kubaner. oder wenigstens versucht er das. und nach wenigen wochen ist das "urlaubsgefühl" auch schon in weiter ferne. nichts mehr von sonne und strand, von karibik. schon bald hat ihn das wirkliche leben eingeholt. und dieses strotzt nur so vor armut und gewalt.
auf der suche seiner "traumfrau" trifft broschkus auf die unterschiedlichsten personen. zwar scheinen ihm alle helfen zu wollen, doch man spürt sofort, dass hier etwas nicht mit rechten dingen zu geht. und so driftet der held von tag zu tag näher seinem abgrund entgegen. und dieser betrifft vor allem das religiöse leben kubas. und zwar die äußerst dunkle seite der religion, mit afrikanischem voodoo vergleichbare rituale, die selbst vor menschenopfern nicht halt macht.
was wird aus broder broschkus werden? wird er die gesuchte frau jemals finden? oder geht es eigentlich gar nicht darum, dass er auf der suche ist? wird womöglich broschkus die ganze zeit über gesucht? und was hat der "herr der hörner", der teufel, mit der ganzen sache zu tun?

wie schon erwähnt, dies ist ein ganz besonderer roman, allerdings auch ein buch, für das man sich zeit nehmen muss. ein paar seiten vor dem einschlafen bringt nichts. hier muss man konzentriert bei der sache bleiben. dies also ganz und gar kein buch für gelegenheitsleser. lässt man sich aber dann auf politycki's außergewöhnliche, ja fantastische sprache ein, wird man mit ganz großer literatur belohnt. das besondere an der ganzen geschichte, der autor hat selbst einige zeit auf kuba gelebt. und ich denke, das merkt man auch. so ist es schon fast schwierig zu entdecken, was und ob der schriftsteller überhaupt etwas "erfunden" hat. das ganze buch klingt so erschreckend realistisch! und so kann ich jedem nur empfehlen den helden broschkus auf seinem außergewöhnlichen trip zu begleiten! für mich ist dieser roman einer der highlights dieses bücherherbstes und wurde zurecht für den "deutschen buchpreis" nominiert. unbedingt lesen!!

an dieser stelle sei auch das interview mit matthias politycki erwähnt.

BEWERTUNG: *****








Alexa Hennig von Lange - Warum so traurig?

immer wieder freue ich mich, wenn alexa hennig von lange, die ich unbestritten als lieblingsautorin bezeichnen würde, ein neues buch veröffentlicht. und aufgrund dieser einstellung kann ich ihre bücher gar nicht schlecht beurteilen. mir gefällt einfach, was sie schreibt. und mir gefällt auch wie sie schreibt. dies ist eine autorin, die man lesen sollte, deren bücher man uneingeschränkt empfehlen kann. so auch "warum so traurig?". denn auch hier zeigt die autorin, was sie kann. nämlich ihre generation perfekt beobachten und beschreiben. so kann man die erlebnisse der personen schlichtweg wunderbar nachvollziehen.
einzig der etwas schmale umfang des buches gibt anlass zur kritik. kritik, die aber einzig und allein das lesevergnügen trübt. und zwar, weil das ganze viel zu schnell vorbei ist. gerne hätte ich mehr von "lizzy" gelesen! aber warum "so traurig" sein? es gibt ja noch mehr fabelhafte bücher von alexa hennig von lange. und das nächste folgt bestimmt! hoffentlich bald!

an dieser stelle sei auch das interview mit der äußerst symphatischen autorin erwähnt.

BEWERTUNG: *****








John von Düffel - Houwelandt

zwar versuche ich bei meiner buchauswahl immer die neuen bücher zu berücksichtigen, was eigentlich schade ist. denn oftmals entdeckt man auch bei etwas älteren erscheinungen wahre meisterwerke. dieses zum beispiel! dabei handelt es sich hier im gewissen sinne sogar um eine neuerscheinung. oder besser gesagt um eine neuauflage des im letzten jahr erschienenen buches „houwelandt“ von john von düffel. grund hierfür ist der dokumentarfilm mit dem gleichnahmigen titel. jetzt jedenfalls kann man beides erwerben, noch dazu zu einem sehr fairen preis. denn man bekommt für sein geld zum einen die gebundene ausgabe des romans, sowie eine beiliegende dvd des films.

und gerade dieses paket macht das thema „houwelandt“ zu einem ganz ganz großen juwel für jeden büchernarr.
beginnen wir mit dem autor. 1998 wurde er mit seinem debut „vom wasser“ quasi über nacht bekannt und zurecht mit zahlreichen preisen ausgezeichnet. seine zwischendurch erschienenen romane sind schlichtweg an mir vorüber gegangen. um ehrlich zu sein, ich dachte „houwelandt“ wäre erst sein zweites buch. egal, ich gebe zu, ich habe die anderen nicht gelesen. auch john von düffels neuestes werk, obwohl von elke heidenreich durchaus hochgelobt, stand bei mir nicht unbedingt auf der liste von büchern, die ich unbedingt haben muss. doch dann sah ich durch zufall in 3sat „the making of ...“ und von nun an kam ich an diesem werk nicht mehr vorbei.

ich sah also zuerst den „film zum buch“. und dieser hat es mir unheimlich angetan. ein wunderbares werk für alle, die sich für bücher interessieren. und vor allem für alle, die sich nicht vorstellen können, was denn alles geschieht, bis wir überhaupt erst im laden ein buch in die hand nehmen dürfen. aber genau dies zeigt und erklärt uns dieser dokumentarfilm.
zuerst einmal dürfen wir den autor bei der arbeit beobachten. doch nicht nur das, john von düffel gewährt uns auch einen einblick in sein leben. wir sehen ihn also auch „zwischen“ dem schreiben. beim schwimmen, beim joggen, schlicht und einfach bei alltäglichen dingen.
doch vorrangig ist dieser film natürlich auch ein ungemein brillanter einblick hinter die kulissen des literaturbetriebs. und so sieht man hier dinge, die ich mir in dieser art und weise nicht unbedingt vorgestellt hätte. zu anfangs wohnen wir einer besprechung bei, in der von düffel dem verlag seine neueste geschichte schmackhaft machen möchte. die beteiligten sind glücklicherweise recht angetan von der idee „houwelandt“, man sieht allerdings auch einige zweifel und befürchtungen in deren gesichtern. deutlich wird dies vor allem an den bemerkungen und handlungen des lektors, der durchwegs eine ungemein unsymphatische figur zu sein scheint. jedenfalls konnte ich ihn während des gesamten films nur einmal kurz lächeln sehen. auch, jetzt mag mich der ein oder andere sicherlich als naiv und unwissend hinstellen, aber die funktion eines lektors hatte ich mir nicht so unheimlich „hart“ vorgestellt. eher sah ich diese position als eine art hilfe und unterstützung der ideen des autors. doch hier tritt der lektor eher als "übermensch" auf, der scheinbar vorher schon alles weiß, was der leser am ende möchte. dies wird beispielsweise in der szene recht deutlich, als er versucht, von düffels titelwunsch „houwelandt“ als überaus unpassend hinzustellen. und dies ist nur ein kleines problem, in welchem der autor seine vorstellungen und wünsche durchsetzen muss. man hat regelrecht angst, dass am ende ein buch erscheint, welches der lektor geschrieben hat. ein buch, dass mit der ursprünglichen idee des autors nur noch wenig gemein hat ...

es geht spannend weiter, das manuskript ist fertig. nun muss es durchgesprochen, verbessert, verändert werden. hinzu kommt die gestaltung des schutzumschlages, das korrekturlesen, die ersten korrekturfahnen bis hin zum druck. dann geht es weiter mit vermarktung und werbung. glückerlichweise konnte man elke heidenreich dazu überreden, den roman zu lesen, obwohl sie schon ihre urlaubslektüre zusammengestellt hatte. sie empfiehlt das buch in ihrer sendung und es landet auf der bestsellerliste. man freut sich mit dem autor, leidet aber andererseits mit ihm, weil seine arbeit noch lange nicht beendet ist. jetzt muss er durchs land reisen um sein buch durch lesungen dem publikum näher zu bringen ...
all dies zeigt uns dieser fantastische film. und ich fand das ganze unheimlich interessant, ja ich war sogar wahnsinnig fasziniert davon.

erst dann habe ich das buch gelesen. ich hatte ersteinmal probleme, die sonderausgabe überhaupt zu bekommen. eigentlich dachte ich, dass nach der ausstrahlung des films, das buch in jeder buchhandlung zu haben sein müsste. doch leider hat sich mein wunsch nicht erfüllt, ich musste es sogar bestellen. war ich der einzige, der diesen film am vortag gesehen hatte? scheinbar. doch ich hoffe, das wird sich von nun an ändern. denn schon alleine der film ist die anschaffung von „houwelandt“ wert.

und dabei kam ich noch nicht einmal auf den, sagen wir jetzt einmal umgekehrt, „roman zum film“ zu sprechen! denn die gedruckten 300 seiten sind ja schließlich daß, worum sich hier alles dreht. und „houwelandt“ ist ein unglaublich lesenswertes buch. eine wunderbare familiengeschichte, wie ich sie selten lesen konnte. jetzt klinge ich zwar ein wenig wie frau heidenreich, muss aber ähnliches los werden. immer werden nur die amerikanischen schriftsteller hochgelobt, jonathan franzen zum beispiel, dessen „schweres beben“ für mich kein gutes buch darstellt. wir haben in unserem land glücklicherweise schriftsteller, die es viel besser können!

john von düffel erzählt also eine familiengeschichte. und zwar aus der sicht von drei unterschiedlichen generationen. die hauptperson, um die sich alles dreht, ist sicherlich jorge. der „alte“ wie er oft genannt wird. er steht kurz vor seinem 80. geburtstag und wird von allen eigentlich nur gehasst. seine frau esther, über die man ständig denkt, wie konnte sie es nur so lange mit diesem furchtbaren menschen aushalten, möchte den geburtstag ihres mannes vorbereiten. das ehepaar lebt mittlerweile in spanien. sie bittet nun ihren sohn thomas eine geburtstagsrede zu schreiben. im gegenzug gibt sie ihm geld, damit er das anwesen der familie auf trab bringen kann. thomas, eigentlich ein versager, oder besser gesagt durch seinen vater zu einem geworden, lebt in einem nebengebäude des familienbesitzes und ist quasi zu einer art hausverwalter geworden. doch er macht seinen job nicht sonderlich gut, ist, seit ihn seine ehefrau vor die tür gesetzt hat, nahe daran zu verwahrlosen. trotzdem kann er den wunsch seiner mutter nicht abstreiten und sagt zu. so fangen für ihn die probleme aber erst an. denn was soll er über seinen vater schreiben? er zerbricht sich den kopf und bringt keine zeile zustande.
da kommt sein sohn ins spiel. christian. doch auch er ist nicht unbedingt ein musterbeispiel an sohn. in gewissen sinne verachtet er seinen vater, weiß aber eigentlich nicht so recht warum. jedenfalls bittet thomas christian um hilfe. doch dieser lehnt ab. mit den worten, was soll er über seinen großvater schon schreiben, er kenne ihn doch überhaupt nicht. wohl wahr, denn thomas hat sein leben lang versucht, ihn vor jorge, dem „alten“, zu beschützen ...
dies ist also die basis der geschichte. mehr möchte ich auch nicht erzählen. es gibt so viele dinge zu entdecken und john von düffel erzählt die geschichte der familie „houwelandt“ in einer wunderbaren sprache, die seinesgleichen sucht. das buch ist durchwegs interessant und man bleibt seite für seite am ball um zu erfahren, wie das ganze denn nun enden wird ...

und hier möchte ich dann auch meine lobeshymne zum ende bringen. und jedem ans herz legen, die 15 euro zu investieren, weil man damit wort- und filmkunst auf höchstem niveau erhält! und ein paket, welches literatur und film auf wunderbare art und weise miteinander verknüft! schade, dass man nicht mehr „gesamtkunstwerke“ dieser art erwerben kann!

BEWERTUNG: *****








Kazuo Ishiguro - Alles, was wir geben mussten

kazuo ishiguro. sicherlich ein name, der nicht jedem auf anhieb ein begriff sein wird. spätestens aber, wenn man „was vom tage übrig blieb“ erwähnt, sollte dieser autor jedem bekannt sein. auch wenn ich den roman (noch) nicht gelesen habe, die verfilmung von james ivory habe ich, nicht nur einmal, mit großer begeisterung gesehen. sicherlich einer der besten geschichten, die jemals erdacht wurden.

und dieser tradition folgt auch ishiguro‘s neuester roman. wenn man ein wenig ungerecht sein möchte, dann kann man dem autor vorwerfen, dass er sich an die derzeitige welle von geschichten über das „klonen“ anhängt. wohl möglich. in der literatur gibt es derzeit z. b. houellebecq‘s „die möglichkeit einer insel“, im kino konnte zuletzt michael bay‘s actionkracher „die insel“ mit diesem thema begeistern.

und auch wenn das „klonen“ auch in ishiguro‘s „alles, was wir geben mussten“ den hintergrund darstellt, so ist die erzählweise eine ganz und gar andere. denn dies ist auf den ersten blick kein science fiction roman, schon gar keine action-geschichte. im gegenteil, hier wird mit ganz leisen und zarten tönen erzählt. ein äußerst ruhiges buch also. allerdings wird diese ruhe so meisterhaft zwischen den zeilen gestört, dass den ganzen roman über eine nahezu unheimliche und todtraurige stimmung mitschwimmt.

die 31-jährige ich-erzählerin kathy berichtet uns die geschichte. sie erinnert sich ständig an ihre kindheit und jugend zurück. an eine art internat, irgendwo in england, mit dem namen hailsham. hier wächst sie auf, wird erzogen. schon bald wird klar, dies ist eine andere art von schule. denn die kinder, die hier leben, haben keine eltern. sehr bald erfahren wir warum. denn es handelt sich um klone. menschen die nur erschaffen und aufgezogen werden um später als eine art ersatzteillager für organe zu dienen. ihre einzige daseinsberechtigung besteht also darin, abzuwarten, bis sie das richtige alter zur „ausschlachtung“ erreicht haben.
bis dorthin durchleben sie ähnliche entwicklungsphasen wie „normale“ menschen auch. und so kann man diesen roman natürlich auch als kindheits-, jugend- und entwicklungsroman sehen. kathy und ihre freunde ruth und thommy haben mit ganz menschlichen problemen zu kämpfen. dazu gehört selbstverständlich auch die liebe. ähnlich wie in „was vom tage übrig blieb“ erkennt der leser sofort, dass kathy und thommy wie füreinander geschaffen sind. doch möchte dies keiner der beiden eingestehen und dem anderen preisgeben. und so kommt es, dass ausgerechnet thommy mit kathy‘s bester freundin eine beziehung beginnt, was natürlich den ganzen roman über zu einer tragischen spannung zwischen den dreien führt.

dies aber nur als beispiel zur handlung, mit der ishiguro seinem eigentlichen ziel ein gewand gibt. und das unheimlich grausame daran ist, dass die helden zwar von anfang an darüber informiert werden, warum sie eigentlich am leben sind, doch es letztendlich bis kurz zu ihrem ende niemals richtig wahrhaben wollen. so werden sie quasi ihrer unschuld und kindheit betrogen, in dem man sie vor dem unausweichlichen ende beschützen möchte.
und so lesen wir immer weiter, begleiten die drei freunde über lange zeit, erleben mit ihnen schöne wie auch traurige tage und von seite zu seite erahnen wir, dass diese geschichte nur traurig enden kann ...

und so ist dies ein wunderbar erzählter roman über freundschaft und liebe, durch den hintergrund des „klonens“ aber vorrangig ein buch, welches einen faden nachgeschmack hinterlässt. während und vor allem nach der lektüre zwingt der roman zum nachdenken. so denkt man oftmals unbedacht, nun gut, das leben dieser klone hat doch letztendlich einen positiven sinn. schließlich kann durch sie leben gerettet werden. unheilbare krankheiten, wie beispielsweise krebs, können von nun an besiegt und geheilt werden. wie wunderbar! doch dann wird einem schnell klar, dass ja auch diese, und man muss in diesem fall einfach sagen „menschen“, leben wollen. dass auch sie angst vor dem tod haben. und so kommt man schnell zu der überlegung, ob es sich hierbei dann wohl um minderwertigere wesen handelt, die einfach so geopfert werden, damit andere weiter leben können. und so bleibt am ende natürlich die frage, wer erlaubt es, sich so etwas zu entscheiden? am schluß also eine überlegung, die sich sicherlich jeder schon einmal gestellt hat ...

mir bleibt an dieser stelle nur, diesen fabelhaften roman zu empfehlen. sicherlich ein tieftrauriges buch. doch ishiguro schafft es meisterhaft, dass man „alles, was wir geben mussten“ trotz alledem gern und vor allem begeisternd lesen. vielleicht brauchen wir manchmal auch einfach diese tragischen geschichten um zu erkennen, dass es uns womöglich doch besser geht, als wir allzu oft glauben. und das man jede stunde und jeden tag dieses lebens einfach genießen sollte! vielleicht auch einfach mal mit einem guten buch ...

BEWERTUNG: ****
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Adam Fawer - Null

man erlaube mir eine einschätzung. viele krimi-leser warten sicherlich sehnsüchtig auf den neuen roman von dan brown. um die wartezeit zu verkürzen kann man sicherlich browns erstlingsroman lesen oder sein geld für die gerade erschienenen "illustrierten" ausgaben seiner bücher zum fenster raus werfen. wer dies nicht möchte, dem sei adam fawer ans herz gelegt. denn dieser schriftsteller ist jemand, der genauso gut ist, wie all die hochgelobten thriller-autoren. wenn nicht sogar besser. denn was fawer schreibt ist originell und im gewissen sinne "frisch". und dabei handelt es sich um einen erstlingsroman. klasse!

"null" ist ein thriller erster güte und bietet alles, was man von diesem genre erwartet. allem voran natürlich spannung! und diese hält der roman von der ersten bis zur letzen seite. es gibt keine stelle, an der die handlung ins stocken kommt. im gegenteil, man kann nicht mehr aufhören, das buch zu lesen!
der plot ist bis zu einem gewissen punkt nachvollziehbar und man staunt über fawers ideen und die mathematischen hintergründe. natürlich ist dieses buch stellenweise schon sehr übertrieben und man fragt sich, was die helden denn noch an verletzungen ertragen können. aber das gehört nunmal dazu. auf solche dinge lässt man sich von vorne herein ein, wenn man sich dazu entschieden hat, einen thriller zu lesen. und so ist dieses buch sehr empfehlenswert, für alle, die auf gut gemachte spannungsliteratur stehen!

vielleicht dreht sich bald das blatt und man liest zwischendurch dan brown, nur um sich die wartezeit auf den neuen roman von adam fawer zu verkürzen ... das wäre doch mal was! und wenn der meister des trash-thrillers bald auch noch "diabolus" als "illustrierte prachtausgabe" in den handel bringt, wird das wohl nicht mehr lange dauern!

BEWERTUNG: ****
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