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JESUS VON TEXAS
von DBC PIERRE

Gebundene Ausgabe
382 Seiten
Aufbau Verlag
ISBN: 3351029969
EUR 19,90
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KURZBESCHREIBUNG

Vernon Little sitzt im städtischen Gefängnis von Martirio, der "Barbequesaucen-Hauptstadt von Texas". Er hat ein ernsthaftes Problem: Sein Kumpel Jesus hat soeben 16 Klassenkameraden ins Jenseits befördert und sich anschließend selbst erschossen. Auf Vernon als dessen einzigen Freund konzentrieren sich nun die gesamten Rachegelüste der Stadt und die Sensationsgier der Medien.(aufbau-verlag.de)

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MEINUNG

"jesus von texas" ist im moment in aller munde. es gibt kaum eine zeitung oder zeitschrift, die nicht über dieses buch berichtet. und letztendlich sollte man auch allen dankbar dafür sein, denn diesen roman muß man einfach gelesen haben!

zu anfangs aber erstmal ein paar worte zum autor. denn seine biografie liest sich fast ebenso spektakulär wie das buch selbst. eigentlich ist der richtige name des gebürtigen australiers peter finlay. doch aufgrund seines nicht gerade recht "normalen" lebens erscheint sein debut unter dem pseudonym "dbc", was nichts anderes bedeutet als "dirty but clean". den spitznamen "dirty" bekam finlay damals von seinen freunden. mittlerweile ist er aber "sauber", geheilt von seiner drogensucht und dies möchte er wohl mit dieser eher ungewöhnlichen namensgebung jedem mitteilen...

doch das war nicht immer so. denn "dbc" hat wohl so ziemlich alles hinter sich, was man wahrlich als "kriminell" bezeichnen könnte. so war peter finlay drogen- und spielsüchtig, hat es im laufe seiner 42 jahre geschafft, schulden in höhe von mehreren hunderttausend dollar anzuhäufen. auch beruflich erscheint seine vita alles andere als langweilig. so versuchte er sich als filmemacher, schatzjäger, schmuggler und grafiker. das schreiben war die einzige kunstform, die er noch nicht ausprobiert hatte. und so sagt er von sich selbst, in ihr sah er den einzigen ausweg. entweder ein buch schreiben oder sich umbringen... sind wir froh, dass er sich für ersteres entschieden hat...
finlay verbrachte einen großteil seines lebens in mexico, lebt jetzt in irland, wo er auch seinen roman geschrieben hat. es sei ihm gegönnt, dass er damit großen erfolg hat. so großen erfolg, dass "jesus von texas" gleich mit wichtigsten englischen literaturpreis, dem "booker price" ausgezeichnet wurde. doch von den 75 000 euro preisgeld bleibt ihm wohl nicht recht viel übrig, denn davon wird er ersteinmal seine schulden bezahlen...

doch nun endlich zum roman selbst. schließlich handelt es sich hier nicht um eine autobiografie des "gauners" peter finlay! "jesus von texas" erzählt die geschichte es 15jährigen vernon little, der vollkommen schuldlos von einem schlamassel ins nächste schlittert...
vernon's schulkamerade und freund hat bei einem amoklauf in der schule 16 menschen getötet und sich danach selbst hingerichtet. eigentlich sollte die schuld eindeutig bewiesen sein, doch die kleine texanische stadt sucht einen sündenbock. und diesen finden sie in der person unseres jungen "ich-erzählers". dabei war vernon während des massakers noch nicht einmal anwesend. doch es genügt scheinbar schon, dass er mit dem mörder "befreundet" war. und so wird vernon von allen seiten unrecht getan. niemand glaubt ihm. und durch kleine unstimmigkeiten und versprecher reitet sich unser held immer weiter in die heikle situation hinein.

die hauptschuld geht natürlich von den medien aus. und geht in diesem fall vorrangig auf das konto eines schleimigen, kleinen reporters, der für eine gute story über leichen geht. man liest das ganze mit einem kopfschütteln und denkt, herrje, das kann doch gar nicht sein. so nistet sich der wiederliche "lally" sogar noch in vernons zuhause ein, beginnt ein verhältnis mit seiner alleinstehenden mutter und bringt diese letztendlich sogar so weit, ihren eigenen sohn regelrecht im stich zu lassen: "ach gott, wissen sie, eine mutter hält ihr kind immer für unschuldig - schließlich werden selbst mörder von ihren familien geliebt". kann es sein, dass ihr nicht einmal bewußt ist, in welcher lage ihr sohn eigentlich ist? ist es möglich, dass sie zu dumm ist, darüber nachzudenken, was sie mit ihren worten ihrem sohn antut?

das ganze geht soweit, dass man fast schon selbst zur waffe greifen möchte, um dem armen vernon zu helfen... doch dieser ist natürlich auch ein wenig selbst schuld. warum erzählt er nicht, dass er zum zeitpunkt des massakers weit weg von der schule "scheißen" musste, um es einmal mit der "derben" sprache unseres hauptdarstellers auszudrücken. aber dazu ist er zu stolz: "van damme würde so etwas nie passieren. helden scheißen nicht, niemals. sie ficken und töten, das war's".
aber anstatt über seinen schatten zu springen und die peinlichkeit auszusprechen sieht vernon eine "flucht" als einzigen ausweg. er packt ein paar sachen zusammen und flieht über die grenze nach mexico. alles würde gut für ihn laufen, hätte er nicht vorher kontakt zu seiner großen liebe taylor aufgenommen, die vernon am ende auch noch schamlos ausnutzt und verrät. auch wieder aufgrund des ungerechten reporters, der "tay" eine große karriere im fernsehgeschäft verspricht. und so landet vernon letztendlich in der todeszelle. hier überspitzen sich die ereignisse, denn das fernsehen soll seine hinrichtung übertragen. in einer art reality show, in der die zuschauer per internet abstimmen können, wer als nächstes getötet wird. quasi "big brother" oder "holt mich hier raus..." mit verschärften regeln...

"jesus von texas" ist ein brillanter roman geworden. eine bitterböse satire auf das heutige amerika und die macht der medien. das erschreckende daran ist aber - so weit hergeholt scheint solch eine "todeszellen-show" gar nicht zu sein. "vor nicht allzu langer zeit, waren alle hinrichtungen öffentlich - sie wurden sogar auf dem marktplatz durchgeführt. ... zu allen zeitpunkten der geschichte war es das recht der gesellschaft, kriminelle eigenhändig zu bestrafen. es liegt klar auf der hand, daß wir der gesellschaft dieses recht zurückgeben sollten! ... das ist verwirklichte menschlichkeit - der nächste logische schritt hin zu wahrer demokratie"
und wenn wir an dieser stelle, die worte des reporters "lally" hören, wird einem erst so richtig bewusst, in welch einer verrückten welt wir doch leben!

man kann den roman durchaus als komödie sehen, wenn auch als eine bitterböse. doch letzendlich sollte man vorrangig auch zwischen den zeilen lesen und sich seine gedanken über all die ereignisse machen, die unserem hauptdarsteller wiederfahren. und dann wird einem sehr schnell klar, dass hier vieles ganz und gar nicht mehr zum lachen ist...
es ist sehr schwer finlays schreibstil zu beurteilen. versetzt man sich nicht in einen 15jährigen jungen, so könnte man den text gut und gern als "nervig" geschrieben bezeichnen. oftmals hatte ich den eindruck ich würde das drehbuch zu einer folge der "simpsons" lesen. auch die deftige und vulgäre ausdrucksweise von vernon ist wohl nicht jedermanns sache. doch letztendlich wird man einsehen, dass die sprache die der autor dem jungen helden in den mund gelegt hat, schlichtweg fantastisch ist!

was sollte man noch über dieses buch sagen? ich denke, ich könnte hier noch gut und gern alle lobeshymnen der kritiker anfügen. bisher habe ich nicht eine negative besprechung lesen können. wie auch? dieses buch ist ein echtes highlight. jeder sollte es gelesen haben! es zum einen ein äußerst unterhaltsames und spannendes buch, weil man einfach wissen möchte, in welche "scheiße" der arme vernon als nächstes gestoßen wird. doch vorrangig ist es auch ein äußerst wichtiges buch, ein werk, das zum nachdenken aber auch zum aufregen anregt! dbc pierre ist es schlichtweg fabelhaft gelungen, solch heikle themen wie massaker an schulen, kindesmissbrauch und die erschreckende macht der medien in einem roman zu verpacken und das ganze perfekt in einer äußerst witzigen und derben sprache aus der sicht eines 15jährigen zu erzählen... großer respekt an den autor!
bleibt mir ganz am ende nur noch eine aussage: LESEN!

[bs | märz 2004]

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BEWERTUNG: *****