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ALLES IST ERLEUCHTET
von JONATHAN SAFRAN FOER

Gebundene Ausgabe
384 Seiten
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 3462032178
EUR 22,90
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KURZBESCHREIBUNG

Man lacht und weint und ist hingerissen vom Talent eines jungen Autors. Er erzählt die phantastische Geschichte eines jüdischen Schtetls, das Schicksal seiner Familie während des Holocaust und die Abenteuer eines jungen Amerikaners, der aufgebrochen ist, um die Vergangenheit zu suchen. Ein junger Amerikaner kommt in die Ukraine. Er heißt zufällig Jonathan Safran Foer. Im Gepäck hat er das vergilbte Foto einer Frau namens Augustine. Sie soll gegen Ende des 2. Weltkrieges seinen Großvater vor den Nazis gerettet haben. Jonathan will Augustine finden und Trachimbrod, den Ort, aus dem seine Familie stammt. Sein Reiseführer ist ein alter Ukrainer mit einem noch älteren klapprigen Auto, sein Dolmetscher dessen Enkel Alex, ein unglaubliches Großmaul und ein Genie im Verballhornen von Sprache. Mit von der Partie ist noch Sammy Davis jr. jr., eine neurotische Promenadenmischung mit einer Leidenschaft für Jonathan, der Angst vor Hunden hat. Die Reise führt durch eine verwüstete Gegend und in eine Zeit des Grauens. Alex berichtet in seiner unnachahmlichen Sprache von den Abenteuern und irrsinnigen Missverständnissen während dieser Fahrt, Jonathan erzählt die phantastische Geschichte Trachimbrods bis zum furchtbaren Ende, und der alte Ukrainer begegnet den Gespenstern seiner Vergangenheit. Alex und Jonathan aber sind zum Schluss der Reise Freunde geworden.

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MEINUNG

jonathan safran foer ist amerikaner, jude und 1977 geboren. ein recht junger schriftsteller also. "alles ist erleuchtet" ist sein erster roman, er ist klasse geworden! und dafür gleich zu anfang den allergrößten respekt.

um was geht es in seinem buch? es scheint eigentlich eine, vom anspruch her gesehen, recht simple geschichte. ein junger amerikaner kommt in die ukraine, um dort eine frau zu finden, die seinen großvater seinerzeit vor den nazis gerettet hat. alles was er für die suche hat, ist eine alte fotografie und der name einer stadt. für seine aufgabe braucht er einen dolmetscher und einen fahrer. fertig. so viel, so gut.
leider muss ich gestehen, dass mir der einstieg in dieses werk recht schwer gefallen ist. denn der aufbau des romans ist im gegensatz zur simplen geschichte nicht gerade einfach aufgebaut. und auch gar nicht so einfach zu beschreiben. im grunde genommen gibt es drei handlungsstränge...

oder beginnen wir anders. jonathan safran foer, also der autor selbst, ist derjenige, der in die ukraine reist. seine beschreibungen erfahren wir aber nicht von ihm selbst. nein, diese berichtet alex. außerdem schreibt dieser auch briefe an jonathan, jedesmal dann, wenn er wieder einen teil seiner geschichte fertig hat. jonathan selbst kommt nie zu wort. von ihm bekommen wir aber erzählungen über ein jüdisches dorf und deren menschen. und zwar von der gemeinschaft, in der später auch sein großvater gelebt hat.
also nochmal - drei handlungsstränge: der erste ist die beschreibung der reise von alex, der zweite sind die briefe von alex an jonathan und der dritte eben gerade erwähnte geschichten von jonathan safran foer selbst. kompliziert? ist es in der tat auf den ersten seiten. doch man hat sich eigentlich sehr schnell daran gewöhnt. und dann fällt einem auch auf, wie pfiffig und genial der ganze roman doch eigentlich konstruiert ist.

trotzdem hatte ich, wie anfangs schon erwähnt, meine schwierigkeiten. denn die berichte aus dem jüdischen schtetel sind zu beginn sowas von bescheuert geschrieben, dass ich das buch schon fast in die ecke geworfen hätte. man hat den eindruck, der autor hat alle sätzte in einen sack gesteckt, diesen ein paar mal durchgeschüttelt, ausgeschüttet und die sätze in dieser reihenfolge zu papier gebracht. ich neige natürlich jetzt ein wenig dazu zu übertreiben, und möchte damit nur sagen, daß ich so gut wie nichts von dem begriffen habe, was der autor mir mitzuteilen versucht hat... und zwar rein gar nichts. wer sind die personen, was tun sie da gerade? dies alles wird also nicht gerade recht "schmackhaft" präsentiert. zu diesem zeitpuntkt dachte ich mir noch: "oh nein! auf was hast du dich denn da eingelassen? warum ist dieser autor von allen so hoch gelobt worden? bist du zu blöd um seine sätze zu begreifen?"

doch dann wird alles anders. man wechselt wieder zu den reiseberichten von alex. und diese sind sowas von amüsant und genial geschrieben, dass ich vor lauter lachen oftmals das buch aus der hand legen musste. manche werden diese passagen als "slapstick" bezeichnen, ich fand sie einfach nur zum wegwerfen komisch! das witzige daran sind vor allem die dialoge zwischen den beiden hauptpersonen. alex gibt sich von anfang an fälschlicherweise als "könner" der amerikanischen sprache aus. doch dem ist natürlich nicht so. und so kommt es zu unzähligen urkomischen wortwechseln und missgeschicken. hier ein kleiner auszug:
Wir waren sehr beschäftigt zu reden. Als ich mich zu Großvater verdrehte, sah ich, dass er wieder das Foto von Augustine untersuchte. Zwischen ihm und dem Foto war eine Traurigkeit, und nichts in der Welt machte mir mehr Angst als das. "Wir werden essen", sagte ich zu ihm. "Gut", sagte er und hielt das Foto sehr nah an sein Gesicht. Sammy Davis jr. jr. weinte fort. "Nur eins", sagte der Held. "Was?" "Sie müssen wissen..." "Ja?" "Ich bin...Wie soll ich sagen...?" "Was?" "Ich bin..." "Sie sind sehr hungrig, nicht?" "Ich bin Vegetarier." "Ich verstehe nicht." "Ich esse kein Fleisch." "Warum nicht?" "Ich esse es eben nicht." "Wieso essen Sie kein Fleisch?" "Ich esse es eben nicht." "Er isst kein Fleisch", informierte ich Großvater. "Natürlich isst er Fleisch", sagte Großvater. "Natürlich essen Sie Fleisch", informierte ich den Helden. "Nein. Tu ich nicht." "Warum nicht?", erkundigte ich mich noch einmal. "Ich esse es eben nicht. Kein Fleisch." "Schweinefleisch?" "Nein." "Fleisch?" "Kein Fleisch." "Steak?" "Nein." "Huhn?" "Nein." "Essen Sie Kalb?" "Um Gottes Willen, nein. Absolut kein Kalbfleisch." "Was ist mit Wurst?" "Auch keine Wurst." Ich sagte es zu Großvater, und er schenkte mir einen sehr genervten Blick. "Was ist los mit ihm?", fragte er. "Was ist los mit Ihnen?", fragte ich den Helden. "So bin ich eben.", sagte er. "Hamburger?" "Nein." "Zunge?" "Was hat er gesagt, das mit ihm los ist?", fragte Großvater. "So ist er eben." "Isst er Wurst?" "Nein." "Keine Wurst!" "Nein. Er sagt, er isst keine Wurst." "Wirklich?" "Das sagt er." "Aber Wurst ist..." "Ich weiß. Sie essen wirklich keine Wurst?" "Keine Wurst." "Keine Wurst", sagte ich zu Großvater. Er schloss die Augen und versuchte, die Arme um seinen Bauch zu legen, aber dafür war kein Platz wegen dem Steuerrad. Er sah aus, als würde ihm schlecht werden, weil der Held keine Wurst aß. "Gut, soll er entschließen, was er essen will. Wir fahren zum nahesten Restaurant." "Sie sind ein Schmock", informierte ich den Helden. "Sie gebrauchen das Wort nicht korrekt", sagte er. "Doch, tue ich wohl", sagte ich. (© by jonathan safran foer, kiepenheuer & witsch verlag)


obwohl das ziel des buches eigentlich ein ganz anderes ist, nämlich der gelungene versuch eines jugendlichen, sich mit dem holocaust zu beschäftigen, waren gerade diese witzigen momente für mich das lesenswerteste. und letztendlich auch, dass es foer perfekt versteht, lustige themen mit todtraurigen geschichten zu vermischen. so etwas habe ich in dieser form bisher noch nicht gelesen.

letztendlich könnte man also annehmen, der autor hat versucht, sich einem wichtigen, ernsten thema mit viel humor zu nähern. ähnlich wie roberto benigni mit seinem film "das leben ist schön". allerdings sollte man dies nicht verwechseln oder gar annehmen, dass sich der autor über all die schrecklichen dinge lustig macht. denn natürlich ist alles getrennt. zum einen die lustigen parts, zum anderen wie gesagt, todtraurige, brutale beschreibungen. wie zum beispiel der teil, der über eine absolut sinnlose und unbegreifliche hinrichtung in dem jüdischen dorf erzählt.
jetzt mag der ein oder andere denken, was soll denn der quatsch? entweder man schreibt ein lustiges "roadmovie" oder einen bericht über die schrecken der nazizeit. diesen gedanken kann man schnell wieder vergessen. denn foer schafft diese mischung perfekt. und wahrscheinlich macht gerade dies die qualität dieses romans aus.

natürlich habe ich auch ein paar einwände. oder besser ein paar negative erfahrungen, die ich beim lesen erlebt habe. und dies ist vor allem, die schon zu anfangs erwähnte schwierigkeit sich in foer's schreibstil hineinzufinden. hat man sich aber daran gewöht, bekommt man ein fabelhaftes buch vorgelegt, welches man wirklich gelesen haben sollte. auch hatte ich oftmals meine zweifel mit der übersetzung. und so stellte ich mir die frage, kann man den wortwitz der dialoge überhaupt ins deutsche übertragen? ich muss zugeben, ja, man kann und der übersetzer hat gute arbeit geleistet. um dies herauszufinden, habe ich ein paar seiten der originalausgabe gelesen...

im nachhinein muss ich auch zugeben, dass der roman die ein oder andere "länge" hatte. so waren für mich beispielsweise die erzählungen aus dem jüdischen dorf nicht immer so unterhaltsam und ich musste mich teilweise schon fast ein wenig durchbeißen! aber dies liegt vielleicht auch ein wenig am interesse. wie harald schmidt zu diesem buch gesagt hat: "ich habe jetzt festgestellt: mich interessieren keine bücher, die in der ukraine spielen". vielleicht war er mit seinem urteil ein wenig zu voreilig, denn hat man einmal die ersten 50 seiten überwunden, bekommt man einen wirklich äußerst lesenswerten roman vorgelegt. und dafür ein großes lob an den jungen autor!

[bs | januar 2004]

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BEWERTUNG: *****